Weit weg von der Welt

In Oregon gibt es die dichtesten Wälder der Vereinigten Staaten. Aber der Bundesstaat im Nordwesten hat noch andere Gesichter. Auf ihrem Roadtrip entdecken Sabine Zaugg und ihr Partner eine wundersame Welt aus Wäldern, Wasser und Wüste.

Ausgabe: 145  Text und Bilder: Sabine Zaugg

Etwas Grünes schwirrt durch die Luft. Dann saust es an meinem Kopf und meinem Ohr vorbei. Da ist es wieder! Eine Armlänge vor meinem Gesicht schwebt es für ein paar Sekunden in der Luft, und ich kann ein grün schimmerndes Gefieder und einen langen, gebogenen Schnabel ausmachen. Ein Kolibri!

Mitten in den Wäldern Oregons hätte ich eher einen Weisskopfseeadler oder einen Bären erwartet als ein Tier, das ich mit tropischen Dschungelpflanzen in Verbindung bringe. Bevor ich dazu komme, den Mund zu schliessen, verschwindet der winzige Vogel wie David Copperfield. Aus den Augenwinkeln sehe ich etwas Grünes ins Gebüsch eintauchen. Ich springe in drei Schritten von der Veranda unserer Hütte. Ohne Handy, ohne Schuhe und ohne meine frisch gewaschenen Haare zusammenzubinden. Warum auch? Hier ist niemand. Nur Wald und mittendrin unser Häuschen. Der Kolibri schiesst wie ein wildgewordener Pingpongball zwischen den Tannen hindurch, und ich springe auf nackten Fusssohlen hinterher, so gut es eben geht.

Plötzlich höre ich Motorengeräusche. Auf der Schotterstrasse, die zu unserer Unterkunft führt, donnert ein Quad heran. Ein Mann mit Cowboyhut sitzt darauf. Mit quietschenden Reifen kommt er vor unserer Hütte zum Stehen und schwingt sich aus dem Sattel. Seine Stiefel knirschen auf dem Kies, und sein Hut ist tief ins Gesicht gezogen. Ein dunkler Bart verbirgt seine untere Gesichtshälfte, und ein Revolver steckt in seinem Gürtel. Ich fühle mich wie in einem Film von Sergio Leone.

Er kommt auf mich zu, und falls er sich wundert, weshalb ich barfuss, zerkratzt und mit nassen Haaren im Unterholz stehe, lässt er sich nichts anmerken. «Hi, ich bin Dave», sagt er mit einer tiefen Stimme, «du willst ausreiten, hab ich gehört?». «Ja, das wäre toll. Hast du ein Pferd für mich?», frage ich. Er schaut an mir herunter. «Ich habe Wanderschuhe dabei», sage ich mit einem Blick auf meine nackten Füsse. «Gut. Komm morgen nach dem Frühstück zum Stall.»

Richtung Osten

Mein Partner Marco und ich sind seit fünf Tagen in Oregon und haben den beinahe rechteckigen Bundesstaat im Nordwesten der USA von Portland aus in Richtung Osten durchquert. Der Highway führte uns entlang der Columbia River Gorge, einer breiten Felsenschlucht an der Grenze zu Washington State, und weiter zur Rodeo- und Westernstadt Pendleton bis nach La Grande. Hier zweigt der Hells Canyon Scenic Byway ab, eine 350 Kilometer lange Nebenstrasse zu den Wallowa Mountains und dem Hells Canyon.

In Abermillionen Jahren hat der Snake River hier die tiefste Schlucht Nordamerikas ins Gestein gefressen. Der Hells Canyon ist kaum bekannt, obwohl er um einiges tiefer ist als der berühmte Grand Canyon in Arizona. Die Anfahrt ist lang und führt durch die endlosen Wälder des Wallowa-Whitman National Forest, eines staatlich geschützten Waldgebietes. Die vielen Kurven sind für normale schweizerische Fahrkünste kein Problem, doch ich kann mir vorstellen, dass viele Amerikaner in ihren riesigen Fahrzeugen auf dieser Strasse Platzangst kriegen.

Umso besser für uns, denn wir fühlen uns in dieser östlichsten Ecke Oregons, in der es kaum Siedlungen und Verkehr gibt, wie Pioniere im Planwagen. Natürlich mit ein paar Pferdestärken mehr unter der Haube unseres Mietwagens und im Bewusstsein, dass sich das Reisen enorm vereinfacht hat, seit die Siedler auf ihrem Weg in den Westen hier durch­gekommen sind. Einige von ihnen liessen sich in der nahe gelegenen Goldgräberstadt Cornucopia nieder, um in den Minen des Pine Creek Canyon nach Gold zu schürfen.

Wasserfall und Wildnis

Heute ist von der Goldgräberstadt nicht mehr viel zu sehen. Die Natur hat sich den Ort zurückerobert. Wo früher Saloons, Sargläden und Siedlerhütten standen, ragen heute Pinien, Fichten und Tannen in die Höhe. Irgendwo dazwischen steht unsere Hütte, die zur Cornucopia Lodge gehört. Das stattliche, zweistöckige Holzhaus ist das einzige gros­se Bauwerk im Tal und beherbergt das ganze Jahr über Gäste in einem der Gäste­zimmer oder in einer der fünf Hütten, die im Wald verstreut liegen.

In einer von ihnen durften wir uns gestern einquartieren. Auf der grossen Terrasse der Lodge serviert das Gastgeberpaar Audrey und Shane Frühstück und Abendessen. Es sind die einzigen Momente des Tages, an denen wir die wenigen anderen Gäste zu Gesicht bekommen. Meistens sitzen wir nach dem Essen noch ein wenig beisammen, und ich spiele mit Rex, dem jungen Rottweiler.

Doch heute bleibt keine Zeit dazu. Nach dem Frühstück eile ich zum Stall. Dave wartet schon auf mich und drückt mir die Zügel in die Hand. Sie gehören zu Spur, einem braunen Mustang. Er schaut mich mit grossen Augen an und bleibt ruhig stehen, als ich aufsteige. Dave erzählt mir erst bei unserer Rückkehr, dass ihn mit diesem Pferd eine Hassliebe verbindet, weil Spur ihn schon mehrmals im Stich gelassen hat. Zum Glück weiss ich nichts davon und schenke ihm mein ganzes Vertrauen, was Spur netterweise mit Artigkeit quittiert.

Wir reiten das Tal hinauf, das links und rechts von steilen Berghängen flankiert ist. Vor uns liegt die Eagle Cap Wilderness, Oregons grösstes Wildnisgebiet. Auf 150 000 Hektaren, einer Fläche so gross wie 210 000 Fussballfelder, leben Wölfe, Berglöwen und Weisskopfadler. Und Kolibris. Während des Sommers führt Dave die Gäste der Lodge hinaus in die Wildnis, oft tagelang. Dann übernachten sie in Zelten und kochen am Feuer. Die Lodge ist auch eine Packstation für Wanderreiter.

Auf unserem Weg durchs Tal kreuzen wir immer wieder den Pine Creek. Spur stakst mit geübten Schritten durch den rauschenden Bach. Die Morgensonne wirft ihr Licht an die steile Flanke eines Berges, und Dave zeigt mit dem Finger hinauf. «Siehst du dort oben das Loch? Das war eine der Minen.» Unglaublich, welche Anstrengungen die Menschen damals unternommen haben, um Gold zu schürfen.

Nach einer Stunde hören wir von Weitem lautes Wasserrauschen. Wir steigen ab, binden die Pferde fest und klettern den bewaldeten Hang hinauf, bis wir vor dem Wasserfall stehen. Der kühle Dunst des tosenden Wassers ist herrlich erfrischend in der sommerlichen Hitze. Der feuchte Boden duftet nach Nadelhölzern. Ich sauge den Geruch des Waldes in mich auf und fühle mich geerdet.

Als wir zurückreiten, frage ich Dave nach seinem Leben, und plötzlich wird der schweigsame Cowboy gesprächig. Er erzählt, dass er früher als Feuerwehrmann gearbeitet hat. «Und warum hast du damit aufgehört?», frage ich. «Zu viel Drama», sagt er und lacht. Er mag das einsame Leben in seinem Blockhaus mit den Pferden. Ich kann ihn gut verstehen.

Bunte Hügel

Am nächsten Tag verlassen wir das Tal und fahren das letzte Stück auf dem Hells Canyon Scenic Byway in Richtung Baker City. Langsam verändert sich die Landschaft, statt Wald erstrecken sich hier mit Wüstensalbei überwucherte Hügel. Bald sieht es aus wie im Wilden Westen. Pferde stehen auf Weiden mit gelbem Gras, und weitverstreute rote Scheunendächer leuchten in der eintönigen Landschaft wie Fliegenpilze im Wald.

Zehn Kilometer vor der Stadt steht das Nationale Besucherzentrum des historischen Oregon Trails. Wer in die Geschichte der Siedler eintauchen will, kann sich hier stundenlang zwischen nachgebauten Planwagen und Original-Fundstücken umsehen.

Nach einem kurzen Stopp an einer Tankstelle verlassen wir Baker City und fahren weiter nach Westen. Das GPS unseres Autos zeigt 250 Kilometer bis zu unserem Tagesziel. Doch wir kommen nicht weit, immer wieder stoppen wir, um schiefe Holzhäuser, liebliche Täler mit mäandernden Flüssen und markante Gesteinsformationen zu fotografieren. Wir staunen, dass das waldgrüne Oregon eine so trockene, steinige und wüstengelbe Seite hat. Der verlassene Highway schlängelt sich durch endlose Canyons, bis wir gegen Abend die Painted Hills erreichen.

Wir lassen das Auto stehen und spazieren eine Anhöhe entlang. Vor uns erstrecken sich die farbigen Hügel, die in der Abendsonne in gelben, grünen, roten und orangen Streifen leuchten wie zu Stein gewordene Regenbogen. Die Farbschichten entstanden vor Millionen Jahren und sind ein Zeugnis der klimatischen Bedingungen längst vergangener Zeiten. Es ist verboten, die Hügel zu betreten. Nur wenige Menschen sind hier, und ich spüre die intensive Energie des Ortes. Der schwarze Schattenwurf der Hügel lässt in der sinkenden Sonne immer neue Bilder entstehen.

Schliesslich reis­sen wir uns von diesem Farbspektakel los und fahren ein Stück, bis wir den Campingplatz im Ochoco National Forest erreichen. In der Dämmerung schlagen wir das Zelt auf, kochen Pasta und verkriechen uns müde in die Schlafsäcke.

Am nächsten Tag erreichen wir Bend. Die Stadt wirkt auf den ersten Blick klein, obwohl hier knapp 100 000 Menschen leben. Sie liegt eingebettet im Wald, und der Deschutes River fliesst wie eine träge Schlange mitten hindurch. Es hat keine Hochhäuser, und wir sehen die Three Sisters am Horizont aufragen. Die drei kegelförmigen Berge vulkanischen Ursprungs gehören zur Kaskadenkette, die parallel zur Westküste Nordamerikas verläuft. Sie prägen das Gesicht der Stadt. Ihre Namen kommen nicht von ungefähr, denn sie gleichen einander wie Schwestern. Keine Frage, weshalb Bend bei Naturliebhabern beliebt ist und sich als Outdoorparadies einen Namen gemacht hat. Kilometerweit erstrecken sich nur Wälder, Wasserfälle, Bergseen und Wanderwege.

Floating

Am nächsten Tag lassen wir uns treiben, und zwar wortwörtlich: Marco und ich sitzen je in einem luftgefüllten Reifen und floaten auf dem Fluss. Wir sind nicht die Einzigen: Um uns herum ist gefühlt die halbe Stadt auf dem Wasser. Die meisten wie wir in gemieteten Tubes oder auf Paddelbrettern. Einige haben ihren Hund dabei, und ich sehe sogar eine Katze, die auf der Schulter ihrer Besitzerin sitzt und das Treiben argwöhnisch beobachtet.

Der Fluss trägt uns durch die Stadt, vorbei an den ehemaligen Sägewerken, die heute ein beliebtes Ausgehviertel sind, und durch die teuren Wohngegenden, in denen die Häuser Gärten mit einladenden Holzterrassen direkt am Fluss haben. Das Wasser ist bei 35 Grad Lufttemperatur angenehm kühl, und die Leute sind gut gelaunt. Niemand nimmt es dem anderen übel, wenn die träge Strömung die kaum steuerbaren Reifen ineinandertreibt. Es ist ein bisschen wie auf der Autoscooter-Bahn, und wir sagen «Hello», «Sorry» und «Have a nice day» und floaten unkontrolliert weiter.

Bis wir auf den Wildwasserpark zutreiben. Wir wurden vom Vermieter vorgewarnt, dass wir uns an dieser Stelle links halten müssen, weil in der Mitte Surfer auf einer künstlichen Welle reiten. Eine breite Leitplanke schirmt die rechte Flussseite ab, denn dort ist eine natür­liche Fischtreppe. Wie in einem Flaschenhals stauen sich jetzt Hunderte von Reifen am linken Flussufer vor einer Schwelle. Im Gedränge verliere ich Marco aus den Augen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich in dem Gewühl treiben zu lassen. Irgendwann passiere ich die enge Stelle und sehe gerade noch eine Kaskade an Stromschnellen vor mir, bevor mich der Sog erfasst und über die erste Schwelle spült.

Wie geht die Geschichte weiter?

Den Wildwasserpark überleben die beiden knapp und fahren dann weiter zum Newberry National Volcanic Monument. Hier können sie im Zelt direkt am Kratersee übernachten. Weiter gehts zum einzigen Nationalpark Oregons, dem Crater Lake Nationalpark. Nach einem Abstecher in Klamath Falls fahren die zwei weiter zur Küste und tauchen dort in ein gespenstisches Grau ein… das umso mehr Überraschungen für sie bereithält!

Über die Autorin

Sabine Zaugg (45) ist seit 2016 Redaktorin beim Globetrotter-Magazin und hat schon lange von einem USA-Roadtrip geträumt. Sie entschied sich für Oregon, weil sie am wenigsten über diesen Bundesstaat wusste. Die Reise fand mit Unterstützung von Travel Oregon statt.

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