Afrika in allen Facetten

Quirlige Märkte, geheimnisvolle Riten, eine faszinierende Tierwelt und traumhafte Strände. Aber auch Sklavenburgen, die an die düstere Vergangenheit des Landes erinnern. Ghana ist vielfältig und friedlich – und damit die ideale Einstiegsdestination für alle, die schon immer mal nach Westafrika reisen wollten. Autorin Jutta Ulmer und ihr Mann haben es getan. Und wurden vier Wochen lang mit neuen Erfahrungen beschenkt.

Ausgabe: Nr. 129     Text: Jutta Ulmer  Bilder: Jutta Ulmer und Michael Wolfsteiner

 

Ich ziehe meine Schuhe aus, mein Tanktop und meinen BH. Dann gebe ich mir Mühe, so zu tun, als wäre es das Normalste der Welt, nur mit einem Rock bekleidet einen steinigen Hang hochzukraxeln. Mit mir sind mein Mann Michael, unser Führer Ernest und Dorfpriester Akelesiyine, der uns in seinen Wunder bringenden Schrein führt. Das Heiligtum darf nur barfuss und mit freiem Oberkörper betreten werden. Und das gilt für beide Geschlechter.

«Zu mir kommen die Menschen, wenn sie sich Kinder, Gesundheit oder eine gute Ernte wünschen. Auf mein Geheiss hin bringen sie ein Huhn, Schaf oder Rind mit, das ich dann dem obersten Gott opfere», sagt Akelesiyine. Er sitzt neben einem Berg aus toten Tieren, die sich in unterschiedlichen Verwesungsstadien befinden. Gebete murmelnd bespritzt er sie mit Schnaps. In seinem Lendenschurz aus Fell verströmt der Priester eine geheimnisvolle, archaische Aura. Abrupt beendet Akelesiyine sein sakrales Tun und tritt mit uns aus dem Schrein in den gleissenden Sonnenschein. Vor uns erstreckt sich sandfarbene Trockensavanne mit gewaltigen Baobab-Bäumen, bizarren Felsen und dem Lehmdorf Tengzug.

Hier herrscht Häuptling Zooretentare, der uns eine Audienz gewährt. Mit seinen Knochenketten strahlt er Autorität und Macht aus. Er soll 23 Frauen und 115 Kinder haben. Unser Führer Ernest ist einer seiner Nachkommen. Im Rahmen eines kommunalen Tourismusprojekts wurde er darin ausgebildet, Reisenden sein Dorf samt Brauchtümern zu zeigen. Er macht das richtig gut und freut sich, dass er sich dank dem Tourismus im armen Norden Ghanas ein kleines Einkommen erwirtschaften kann.

Alltag im Norden

Weil man in Tengzug nicht übernachten kann, fahren wir weiter nach Sirigu. Hier betreibt die Frauenorganisation Swopa ein Gästehaus. Wir beziehen eine kunstvoll bemalte Rundhütte, die ein bisschen in die Jahre gekommen ist. Auch wenn die Klimaanlage nicht funktioniert und die Klobrille gesprungen ist, fühlen wir uns auf Anhieb wohl. Der Innenhof der Herberge lädt zum Verweilen ein. Wir lassen den Tag unter dem gigantischen Sternenhimmel gemütlich ausklingen. «Bei uns ist es ruhig. Es gibt keinen Stress, keinen Lärm, aber auch keine Arbeit. Es wird immer schwieriger, dem kargen Savannenboden genügend Essen abzuringen. Damit wir ein bisschen Geld verdienen können, wurde 1997 die Nichtregierungsorganistion Swopa gegründet», sagt Adukoma. Sie ist eine von 400 Frauen, die Swopa angehören. Mit dem Verkauf von Kunsthandwerk und dem Empfang von Touristen soll die Lebenssituation der Dorfbewohnerinnen verbessert werden.

Wir lassen es uns nicht nehmen, am nächsten Tag an einer Haustour teilzunehmen, die uns einen Einblick in Adukomas Alltag gibt. Sie empfängt uns auf ihrem Gehöft, das aus mehreren Flachdachhäuschen und einem kegelförmigen Getreidespeicher besteht. Darin lagern getrocknete Hirse, Maiskörner, Erdnusse, Okras und Bohnen aus eigenem Anbau. Wasser muss Adukoma zweimal täglich vom Dorfbrunnen holen. Sie kocht über dem offenen Feuer. Als Toilette nutzt die Familie die Savanne. Ein Klo gibt es nicht.

Wir sind nach über 30 Lateinamerika-Reisen erstmals auf dem afrikanischen Kontinent und haben die Armut hier unterschätzt. Zumal sich Ghana seit den 1990er-Jahren zu einem friedlichen, demokratischen Land mit einem hohen Wirtschaftswachstum gemausert hat und deshalb für Reisende als ideales Westafrika-Einstiegsland gilt. Adukoma erklärt, dass vom Aufschwung vor allem der ressourcenreiche, fruchtbare Süden profitiert. Ihre nordghanaische Heimat dagegen ist ressourcenarm, trocken und wird von der Regierung vernachlässigt. «Leider kommen nur wenige Touristen zu uns in die Upper-East-Region. Und das einzige Exportprodukt, das wir herstellen, sind Einkaufskörbe», sagt sie.

Ziernarben und Bolga-Körbe

Wir machen einen Ausflug in die Regionalhauptstadt Bolgatanga, wo jeweils am Mittwoch und am Samstag ein Korbmarkt stattfindet. Aus ihren Weilern kommen Frauen mit drei, vier Körben, um sie an Zwischenhändler zu verkaufen. Es wird gefeilscht, Geldscheine wechseln die Hände und uns erstaunt nicht, dass vor allem die Aufkäufer und nicht die Korbflechterinnen die Gewinne aus dem Exporthandel abschöpfen. Weil wir wissen möchten, wie die schönen Körbe hergestellt werden, wenden wir uns an TradeAid, eine Fair-Trade-Organisation, die mit 1065 Korbflechterinnen zusammenarbeitet. Zum einen erhalten die TradeAid-Mitglieder einen angemessenen Preis für ihre Flechtwaren. Zum anderen verdienen sie etwas Geld, indem sie Reisende in die Geheimnisse ihres Handwerks einweihen.

In Sumbrungu werden wir von 15 Korbflechterinnen empfangen. Wie schon in Tengzug und Sirigu haben auch hier alle Ziernarben im Gesicht. Endlich trauen wir uns zu fragen, was es damit auf sich hat. TradeAid-Gründer Nick erklärt, dass die Nordghanaer Anhänger des Animismus sind und deshalb an eine Vielzahl von Geistern glauben. Damit die Geister neugeborene Kinder nicht zu sich holen, sondern in der Welt der Lebenden belassen, werden Babys bereits im Alter von drei bis vier Lebenstagen mit einem Schnitt ins Gesicht unperfekt gemacht. Das Wundmal soll dann ein Leben lang vor bösen Mächten und Dämonen schützen. Ausserdem sind die Narben identitätsstiftend und gelten, wie in anderen Kulturen Tattoos und Piercings, als ästhetisch.

Mich beeindruckt besonders Adugpotas Gesicht: Sie trägt ein wahres Narben-Kunstwerk auf Wangen und Stirn. Ich bringe meine Faszination zum Ausdruck, was Adugpota zugleich freut und nachdenklich stimmt. Heute werden kaum noch solch üppige Wundmal-Kreationen erschaffen, weil in der Vergangenheit beim Einschneiden immer wieder Menschen verblutet sind. Aber wir sind ja nicht der Ziernarben, sondern der Flechtkunst wegen in Sumbrungu.

Und so beginnen die Frauen irgendwann, Strohhalme zu spalten, zu zwirbeln, in- und aneinanderzulegen. Es entstehen robuste, elastische, einzigartige Körbe, die sich in Europa grosser Beliebtheit erfreuen. Hergestellt werden die sogenannten Bolga-Körbe aus Elefantengras.

Auf Elefantensuche

Wo das Elefantengras wächst, lernen wir ein paar Tage später im grössten Nationalpark Ghanas. Toll am Mole-Nationalpark ist, dass es Zu-Fuss-Safaris gibt und man wild zelten darf. Wir sind am Eingang mit Parkwächter Daniel verabredet und laden ihn samt Gewehr in unseren Mietwagen ein. Inmitten des Schutzgebiets an einem schönen Plätzchen erlaubt er uns, das Zelt aufzuschlagen. Weil es schon spät ist, verspeisen wir schnell im Schein unserer Stirnlampen matschiges Weissbrot mit Scheiblettenkäse, bevor die heisseste Nacht unseres Lebens beginnt. 40 Grad Celsius. Kein Lüftchen. Mücken zwingen uns, im Zelt auszuharren. Wir lauschen dem Konzert der nachtaktiven Feuchtsavennenbewohner und fliehen schon im Morgengrauen erleichtert aus unserem Unterschlupf.

Zum Glück ist Daniel auch schon wach. Ohne Frühstück begeben wir uns lautlos auf Exkursion. Daniel bleibt immer wieder stehen, schaut durch sein Fernglas, lauscht. Und entdeckt dann Leopardenspuren im Sand. Die Grosskatze selbst bekommen wir nicht zu Gesicht. Dafür beobachten uns aus der Ferne im Licht der aufgehenden Sonne scheue Kob-Antilopen. Sobald wir sie wahrgenommen haben, fliehen sie und unser Blick bleibt an kämpfenden Warzenschweinen hängen. Wir sehen Krokodile, Busch- und Wasserböcke. Im Park soll es 93 Säugetier-, 33 Reptilien- und über 300 Vogelarten geben. Entzückend finden wir eine stillende Pavianmutter – und natürlich die Stars des Nationalparks: Elefanten!

In einem Wasserloch liegen zwölf Dickhäuter an- und übereinander. Sie trompeten, spritzen Wasser in die Luft und scheinen Spass miteinander zu haben. Plötzlich bricht ein Elefantenbulle aus dem Gebüsch. Er stellt seine Ohren auf, nähert sich uns und Daniel ordnet, das Gewehr im Anschlag, den Rückzug an. «Ich würde niemals auf einen Elefanten schiessen», flüstert er. «Das Gewehr habe ich dabei, um die Tiere im Notfall mit einem Warnschuss zu vertreiben.» Wir sind froh, dass der Elefantenbulle ohne Daniels Zutun sein Interesse an uns verliert und zu fressen beginnt: Seelenruhig stopft er sich mit seinem Rüssel Blätter, Zweige, ganze Äste und Elefantengras in den Mund.

Luxus und Extravaganz

Nach drei Tagen Wildnis sind wir groggy und gönnen uns eine Nacht in Ghanas luxuriösester Unterkunft. Die Zaina-Lodge liegt am Rand des Mole-Nationalparks und bietet alles, was das Herz begehrt. Besonders verlockend finden wir den Pool. Wir schweben im kühlen Wasser, lassen uns von der Sonne bescheinen und wissen nicht, ob wir nun einen Blue-Zaina- oder einen Zaina-Sunset-Cocktail bestellen sollen. Egal. Auf einmal halte ich einen blauen Drink in der Hand. Er schmeckt vorzüglich – genau wie das Dreigangmenü, das uns zuvorkommende Kellner im offenen Restaurant servieren. Drei Viertel des Personals hier kommt aus Dörfern der Umgebung. Die Unterkunft selbst wurde aus Naturmaterialien errichtet und mit Solarpanels ausgestattet. High-End-Tourismus, der zugleich die kommunale Entwicklung und den Umweltschutz fördert – das ist das Credo der Zaina-Lodge.

Nobel sind nicht nur Pool und Restaurant, sondern auch die zeltartigen Schlafstätten. Klimagekühlt und in weisses Tuch gehüllt, verbringen wir eine wunderbare Nacht. Am nächsten Morgen setzen wir uns ausgeruht in unseren Mietwagen und drehen den Sound von Rocky Dawuni in voller Lautstärke auf. Er gehört zu Ghanas bekanntesten Sängern und sein Reggae-Afrobeat versüsst uns die Fahrt über schlaglochreiche Strassen nach Kumasi.

Über die Autoren

Jutta Ulmer (48) und Michael Wolfensteiner (47) sind als Fotografen, Journalisten und Vortragsreferenten tätig. Ihre Schwerpunkte sind nachhaltiger Tourismus und fairer Handel in Lateinamerika, Asien und Afrika. Die beiden leben in Frankfurt am Main und arbeiten aktuell an einer Multivisionsshow, die am 18. September 2019 Premiere hat. In dieser Livereportage werden sie auch über ihre Erlebnisse in Ghana berichten.

www.lobolmo.de

Wie geht die Geschichte weiter?

Nach dem Getümmel in Kumasi suchen die beiden Ruhe und Natur am Bosomtwe-See, turnen in den Baumkronen im Kakum-Nationalpark und versetzen sich beim Besuch einer Sklavenburg an der Küste Ghanas zurück in die düstere Vergangenheit des Landes. Und zum Schluss setzt ein waschechter Aschanti-König ihrer Reise noch die Krone auf…

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