330 Stunden auf 16 Quadratmetern

Evelyn Glose lebt und arbeitet in der chinesischen Stadt Shanghai. Im Januar 2021 reist sie nach ihren Weihnachtsferien in Deutschland zurück und erlebt zwei Wochen Quarantäne auf engstem Raum. Die Isolation hinter chinesischen Hotelmauern bringt sie beinahe zum Verzweifeln.

Ausgabe: Onlinereportage     Text und Fotos: Evelyn Glose   

Ich glaube, es ist 16 Uhr, als ich im Ji Hotel ankomme. In der Lobby versprühen nur noch die Deckenlampen, vier viel zu grosse, mit hellem Stoff bezogene Leuchtkugeln, den Charme eines mittelmässig modernen Mittelklassehotels. Der graue Steinboden ist nass, nicht überall, erst durch den beissenden Geruch erkenne ich, weshalb: Desinfektionsmittel. Die grossen Sprühtanks stehen im Eck, nicht weit von der Rezeption. Wahrscheinlich hat einer der Astronauten gerade den Eingangsbereich desinfiziert. Dort, wo die neuen Gäste des Quarantänehotels ihre Trittspuren hinterlassen haben. Fünf Menschen stehen in der Lobby. Haben sie auf mich gewartet? Ich kann kaum erkennen, ob es Männer oder Frauen sind, sie tragen weisse Schutzanzüge aus leise knisterndem Material, Kapuzen, die sie fest um das Gesicht zugezogen haben, darüber Schutzbrillen und Mundschutz, sogar die Schuhe stecken in blauen Plastiküberstreifern. Ich weiss nicht, ob sie dick oder dünn, hübsch oder hässlich sind. Sie sehen alle gleich aus in ihrer zu grossen Unisex-Astronautenkleidung. Nur die schmalen Augen sind noch zu sehen, durch die Brille erkenne ich asiatische Gesichtszüge. An den Augen muss ich erkennen, ob mir eine Frau oder ein Mann gegenübersteht, ob er oder sie es gut meint mit mir oder ob die Lage ernst ist.

Ich glaube, die Lage ist ernst. Der Chlorgeruch spricht eine klare Sprache: Du bist das Virus und das Virus wollen wir hier nicht mehr haben. Die fünf vermummten Wesen halten zwei Meter Abstand zu mir. Sie stehen hinter einem Absperrband, ich stehe verloren davor, denn ich darf mich nur im abgesteckten Bereich aufhalten. Sie schauen mich wachsam an, vielleicht auch skeptisch, aber das kann ich kaum erkennen. Sie verfolgen jede meiner Bewegungen, das spüre ich. Ich fühle mich wie auf einem roten Teppich, nur dass da kein Teppich ist. Ich bin kein VIP. Ich bin die, die für zwei Wochen eingesperrt werden muss.

In diesem Moment sehe ich plötzlich alles ganz klar. In diesem Moment bricht die Realität über mich herein. Wie eine Flutwelle überrollt sie mich von hinten. Ich muss in diesem Hotel bleiben, zwei Wochen. 14 Tage am Stück, in ein und demselben Zimmer. Isoliert von der Aussenwelt. Ich habe keine Wahl.

Ich drehe mich zum Eingang um, verspüre einen kurzen Impuls, zu gehen. Einfach wieder gehen. Wie im normalen Leben, wenn dir ein Restaurant nicht gefällt. Danke, nein, das ist nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Jetzt erst bemerke ich die Polizisten vor dem Hoteleingang. Rechts und links, mit Polizeiautos, die die Einfahrt versperren. Ich wäre nicht davongekommen. Mir wird flau im Magen, die Enge schleicht sich an mich heran, kreist mich ein. Ich blicke verzweifelt zu den Astronauten. Sie regen sich nicht.

Nach drei Wochen in Deutschland bin ich heute nach Shanghai zurückgekommen. Ich arbeite hier, deshalb durfte ich einreisen. Nur chinesischen Staatsbürgern und Ausländern mit einer gültigen Aufenthaltserlaubnis ist es derzeit erlaubt, nach China einzureisen. Das Flugzeug darf aber nur besteigen, wer zwei negative Tests vorweisen kann: einen PCR- und einen Antikörpertest, die nicht älter als 48 Stunden sein dürfen. Schnelltests werden nicht akzeptiert und für die Bestimmung der Antikörper muss das Blut venös entnommen werden. Ein Test mit Blut aus der Fingerspitze gilt nicht.

Ich habe das alles hinter mir, bin extra einen Tag vor Abflug nach Frankfurt gefahren, habe die beiden Tests über mich ergehen lassen, musste husten und würgen, als die freundliche junge Angestellte im Testzentrum mit ihren Stäbchen in meinem Rachen herumfuchtelte, und flirtete mit dem jungen Arzt, der mir Blut abnahm. Kostenpunkt: 270 Euro. Am selben Abend kamen die Ergebnisse: negativ. Alle Fluggäste waren negativ. Trotzdem trug die Crew weisse Schutzanzüge, trotzdem gab es kein warmes Essen in den elf Stunden Flug, sondern nur abgepackte Snacks, Hygienemassnahme. Trotzdem mussten alle den gesamten Flug über Mund-Nasen-Schutz tragen. Die Maske abzunehmen und einen Schluck zu trinken, fühlte sich revolutionär an. Nach der Landung in Shanghai wurden alle Reisenden noch einmal getestet. Der Flughafen war ein Anti-Corona-Hotspot geworden, mit abgesteckten Bereichen, Absperrbändern von der Gangway bis zu den Bussen, die zu den Quarantänehotels fahren, einer ausgeklügelten Besucherführung und hunderten Menschen in weissen Anzügen.

An jeder Ecke, an der ich vorbeigeleitet wurde, musste ich etwas ausfüllen oder mitnehmen. Ich weiss nicht, wie oft ich meinen Sitzplatz im Flugzeug angeben und bestätigen musste. 59L. Zur Kontaktrückverfolgung. Woanders drückte mir eine vermummte Chinesin ein Röhrchen in die Hand. Hier entlang bitte, zum Coronatest. Wir wurden nach draussen geleitet, auf das Abfluggelände, dort hatten sie einen Container eigens für die Tests aufgebaut. Die Mumie am Eingang wies mir an, an Tisch 30 Platz zu nehmen. Ich hatte Angst vor diesem Test, es war eindeutig, dass die Angestellten dieses Programm hier jeden Tag abspulen, hunderte bis tausende Male, alles lief wie geschmiert, jede Mumie hatte ihren Auftrag, es war unmöglich, als Einreisende dem Geschleuse zu entkommen.

China ist im Kampf gegen das Virus nicht zimperlich. Für individuelle Befindlichkeiten ist kein Platz. Genau davor hatte ich Angst, dass die Dame an Tisch 30, die den Abstrich durch die Nase vornehmen würde, grob sein würde. Weil es schnell gehen muss und weil sie das schon tausendmal gemacht hat. Vorbeugend hob ich abwehrend beide Hände und sagte ihr, sie solle vorsichtig sein. Sie sah mir einen Augenblick durch ihre Schutzbrille in die Augen. Sie nickte, gab mir die Anweisung, die Schutzmaske unter die Nase zu ziehen, und legte ihre Hand in meinen Nacken. Sie zog meinen Kopf über den Tisch zu sich nach vorne, so dass ich ihn automatisch in den Nacken legen musste. Sie war tatsächlich vorsichtig, als sie das Stäbchen einführte. Mir kamen dennoch die Tränen.

Die Dame hinter der Rezeption gibt mir ein Zeichen, dass ich bezahlen soll. Knapp 700 Euro für zwei Wochen, inklusive Frühstück. Ausnahmslos alle, die in China einreisen, müssen 14 Tage – an manchen Orten sogar länger – in designierte Quarantänehotels. Ich bekomme einen Zettel mit Informationen auf Englisch in die Hand gedrückt, ich überfliege ihn. Frühstück kommt gegen 8.30 Uhr, kurz nach 9 Uhr kommt jemand vorbei, um die Temperatur zu messen, Mittag- und Abendessen kann man sich liefern lassen. Um 15.30 Uhr die zweite Temperaturmessung. Müll bitte jeden Tag vor die Tür legen, er wird zu bestimmten Zeiten eingesammelt. Danach wird der Flur desinfiziert. Täglich zweimal.

Die Lifttüren öffnen sich. Ein vermummter Hotelmitarbeiter schiebt meinen Koffer hinein. Mein Gepäck wurde vorher selbstverständlich von Viren befreit. Sie hatten es mir sofort abgenommen, kaum hatte ich das Hotel betreten, in eine Ecke geschoben und besprüht. Ich werfe noch einen letzten ungläubigen Blick durch die Lobby. Da ist er wieder. Der Astronaut mit dem Tank auf dem Rücken. Er desinfiziert genau dort, wo ich gerade noch gestanden hatte.

Bin ich so unrein, so aussätzig, so gefährlich? Ist es das, was ihr mir sagen wollt? Er sprüht gewissenhaft und bewegt sich langsam vorwärts, bis er fast am Lift angekommen ist. Wir blicken uns kurz, aber intensiv in die Augen. Ist das dein Ernst, denke ich, wartest du, bis ich endlich in den Aufzug gestiegen bin, damit du hinter mir her sprühen kannst? Ich fühle mich noch mehr in die Enge getrieben. Mir fällt schwer zu glauben, was sich hier abspielt. Die Astronautenaugen starren mich an, vielleicht wundert er sich über meinen offensiven, versteinerten Blick. Aber er hält ihm stand. Dann verschwinde ich im Lift.

Ich zögere, die Zimmertür hinter mir ins Schloss fallen zu lassen. Wenn sie jetzt zugeht, geht sie 14 Tage nicht mehr auf. 14 beschissene Tage. 336 Stunden. Andere fahren so lange in Urlaub, legen sich an den Strand, flanieren an Geschäften vorbei, sitzen in gemütlichen Cafés und beobachten die Passanten, gehen jeden Abend woanders essen, entdecken ein Land. Ich habe 16 Quadratmeter zu entdecken. Wie soll ich das überstehen? Wie soll ich auf so kleinem Raum leben, arbeiten, essen, schlafen ohne durchzudrehen? Ich muss die Tür schliessen, ich muss einfach. Es bleibt mir nichts anderes übrig. Ich blicke noch einmal den Gang hinunter, vor jeder Tür steht ein Hocker, auf dem Essen und Bestellungen von aussen abgelegt werden. Trostlos sieht das aus, als würden die Hocker wie Hunde auf ihr Frauchen warten. Sie blicken mit grossen traurigen Hundeaugen zur Tür, aber dahinter regt sich nichts.

Ich schliesse die Tür. Und ringe sofort nach Luft. Ich will die Tür wieder aufreissen, wegrennen, raus an die frische Luft, aber ich weiss, dass ich das nicht darf, also versuche ich meinen Fluchtinstinkt zu bändigen, gehe ans Fenster. Tief ein- und ausatmen. Das Fenster lässt sich nur einen Spalt breit öffnen, ich kann nicht einmal meinen Kopf hinausstrecken. Gegenüber, rechts und links von mir monoton hellgelbe Hauswände mit denselben Fenstern. Sie säumen einen weiten Lichtschacht, es ist nicht einmal das echte Leben, das ich von hier aus sehen kann. Mir ist übel, ich glaube, ich muss mich übergeben.

Ich gehe ins Bad. Sehe mir im Spiegel in die Augen. Wie soll ich das schaffen? Ich habe Angst vor mir selbst, vor meinen Gefühlen, die ich so nicht kannte. Klaustrophobie ist mir fremd, ich habe keine Angst im Lift, auch nicht in Flugzeugen oder Menschenmengen. Nur beim Tauchen kam die Panik manchmal. Dieser Gedankenblitz, zu wenig Luft zu bekommen. Um dich herum nur Wasser, das mächtiger ist als du. Wenn sich dieser Gedanke in dir festbeisst, wenn du hyperventilierst und dir aus Verzweiflung das Mundstück aus dem Mund reisst, weil du mehr Luft willst, ertrinkst du. Das Wasser frisst dich auf. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie ich in 15 Metern Tiefe meine Panik reguliert hatte. Einfach atmen. Ruhig atmen. Was anderes kannst du nicht tun, konzentriere dich auf das Atmen. Der Sauerstoff ist ja da. Nimm ihn an.

Ich versuche, nur an die nächsten Minuten zu denken. Ich blende den Horizont aus.

Tag 1

Die erste Nacht ist ein Albtraum. Ich habe nur zwei oder drei Stunden geschlafen. Mitten in der Nacht schrecke ich auf, realisiere sofort, dass ich in diesem Zimmer gefangen bin. Die Tür ist zu. Ich merke, wie ich um Atem ringe. Diese Last auf meiner Lunge ist unerträglich, mein Bauchraum ist viel zu eng, die Rippen schnüren alles ein. Ich habe solche Angst, dass ich irgendwann durchdrehe, dass ich schreiend auf den Hotelflur laufe, dass ich mich wimmernd in eine Ecke schmeisse oder mit meinem Kopf an die Wand schlage. Dass ich nicht mehr weiss, was ich tue. Die Männer in den weissen Anzügen müssen mich dann bändigen, festhalten und mir eine Spritze verpassen. Das würde alles noch schlimmer machen. Wo würden sie mich hinbringen? Mein Herz rast.

Ich rufe meine beste Freundin in Deutschland an. Wir telefonieren stundenlang, das hilft mir, meine Panik in Bann zu halten. Es ist, als sei sie neben mir, als sei ich nicht allein. Sie rät mir, Tagebuch zu schreiben, vielleicht helfe das. Bei dem Gedanken daran wird mir schlecht, ich allein mit meinen Worten, das macht alles noch schlimmer, denke ich. Gefühle aufschreiben, wenn man gerade mitten in ihnen steckt – das geht doch nur in emotional stabilen Phasen, oder? Mir ist bewusst, dass das wahrscheinlich zu einem sehr authentischen Text führen würde. Aber ich habe Angst davor, dass mich meine Worte triggern. Und niemand ist da, mit dem ich darüber sprechen kann. Ich habe Angst, dass ich dann noch verzweifelter werde, die Ausweglosigkeit noch mehr spüre. Erst Tage später kann ich mit diesem Tagebuch beginnen.

Gegen 6 Uhr werde ich erneut müde und schlafe eine weitere Stunde. Um 7.20 Uhr wache ich auf, mir ist übel, ich spüre das Brodeln im Bauch, ich habe Angst vor der nächsten Panikattacke. Ich schreibe auf WeChat in einen Chat für gestrandete Deutsche, die entweder noch in Deutschland auf ihren Flug nach Shanghai warten oder schon in einem Quarantänehotel in der Stadt festsitzen:«Hallo zusammen! Ich bin seit gestern in Quarantäne im Ji Hotel. Ich habe grosse Schwierigkeiten hier, ich habe Panikgefühle und Herzrasen, kann nicht schlafen, ich komme mit der Enge und dem Eingesperrtsein nicht zurecht. Kennt das jemand von euch auch? Kann ich mit jemandem von euch sprechen, kann mir jemand Tipps geben? Ich hatte nicht mit derart schlimmen Gefühlen gerechnet.»

Prompte Rückmeldungen. Ich telefoniere mit zwei Fremden, die am anderen Ende der Stadt eingebuchtet sind. Diese Unterstützung zu spüren, erdet mich. Ich bin nicht allein.

Abends zwinge ich mich, meinen Laptop auszupacken und Arbeitsmails zu lesen. Das hilft. Ich hatte nicht damit gerechnet, ich dachte, ich könne mich auf nichts anderes konzentrieren als meine Gefühle in Bann zu halten. Ich werde gegen 21 Uhr müde und lege mich ins Bett. Zwei Stunden später klopft es an meiner Tür. Ich schrecke hoch, ich verstehe sofort, dass ich nicht raus kann. Ein Schauer durchzuckt mich, ich bin hellwach. Gehe zur Tür, öffne sie und finde eine Tüte auf dem Hocker. Eine Papiertüte, darin ein paar Teebeutel, eine mit Blumen bemalte grosse Teetasse, Windlichter, ein paar Schokoriegel und ein Apfel. Meine Freundin Stefanie, sie muss das gewesen sein, ich erkenne ihre Handschrift auf der Tüte. Ich bin gerührt, eine liebevolle Überraschung.

Ich kann nicht mehr einschlafen und liege bis 6 Uhr morgens wach.

Tag 2

Unruhige Nacht. Ich arbeite von 10 bis 15 Uhr. Meine Freundin Mona schickt mir Lebensmittel ins Hotel, Bananen, Heidelbeeren, Passionsfrüchte, eine Mango, Joghurt, Roggenbrot, Hummus, ein Stück Lachsquiche und ein Erdbeerküchlein. Ich habe überhaupt keinen Appetit, nur die Quiche lacht mich ein bisschen an. Ich stochere mit der Gabel daran herum, beim zweiten Happen bemerke ich die leichte Schärfe. Was macht Chili in der Lachsquiche? Ist meine Zunge so empfindlich, bin ich so empfindlich? Ich esse nicht einmal die Hälfte.

Am Abend telefoniere ich mit Sonja, einer Arbeitskollegin und Psychologin. Sie gibt mir Tipps, was ich bei Panikattacken tun kann. Bleib im Hier und Jetzt, beschreibe, was du siehst. Atme tief ein und wieder aus, stell dir vor, du hast einen kleinen Lift im Hals, der beim Einatmen nach unten in den Bauch fährt, Menschen aufnimmt und dann mit dem Ausatmen wieder nach oben kommt. Das Bild gefällt mir. Ich glaube, ich habe einen kleinen roten Lift in meiner Luftröhre. Ich steuere seine Geschwindigkeit, er fährt nur dann, wenn ich ihn brauche.

Sonja gibt mir eine Hausaufgabe: Ich soll herausfinden, was mir gut tut. Und mir Rituale schaffen, denn Rituale geben Sicherheit. Am besten scheint zu sein, den Tag so zu verbringen wie sonst auch: aufstehen, Kaffee trinken, duschen, arbeiten, Sport machen. Genau in der Reihenfolge, die man gewöhnt ist.

Zum ersten Mal beschleicht mich dieses leise Gefühl, dass ich es schaffen könnte. Dass ich die 14 Tage unbeschadet überstehen könnte. Dass es Strategien gibt, die dabei helfen.

Tag 3

Ich arbeite schon ab 9.30 Uhr. Mein Gehirn fühlt sich kantig an. Beengt. Wie die Box, in der ich gerade lebe. Ich merke, dass das meine Kreativität enorm beeinträchtigt. «Thinking out of the box» geht nicht. Mittags telefoniere ich mit Mona.

Abends arbeite ich noch zwei Stunden und bin dann zum Yoga verabredet. Sonja und ich treffen uns online, sie ist in ihrem Wohnzimmer, ich in meinem Minizimmer. Diese Verabredung tut mir gut, den ganzen Tag habe ich das schon gespürt. Eine feste Uhrzeit auszumachen gibt dem Tag eine Struktur.

Tag 4

Heute habe ich wieder einen Termin. Ich schalte mich mittags zu einer Yogastunde dazu, die live in Shanghai stattfindet. Das Handy ist mein Fenster nach draussen. Menschen über den Bildschirm zu sehen und die Bewegung tun mir gut. Ich fühle mich deutlich stabiler als die ersten Tage.

Auch arbeiten hilft. Ich kann mich erstaunlich gut darauf konzentrieren. Produktiv zu sein ohne zu merken, wie die Zeit vergeht, ist ein erfüllendes Gefühl.

Tag 5

Ich mache nun jeden Morgen mein Bett. Die grosse Fläche mit dem weissen Bettbezug macht mich zufrieden. Das Zimmer wirkt dadurch grösser und heller.

Tag 7

Sieben Tage bin ich nun schon in diesem Zimmer. Sieben Tage habe ich keinen Fuss vor die Tür gesetzt. Ich bin froh, dass dieser Gedanke keine Ängste mehr in mir hochkochen lässt. Ich habe eine Routine gefunden. Ich stehe jeden Morgen nicht zu spät auf, wenn ich Lust habe, mache ich Sport, dann dusche und frühstücke ich. Spätestens um 10 Uhr, meistens früher, sitze ich am Laptop und arbeite. Nach ein paar Stunden telefoniere ich mit Freunden oder bestelle mir was zu essen. Nachmittags bin ich oft so müde, dass ich mich hinlegen muss. Dafür arbeite ich oft bis spät abends. Wahrscheinlich ist das mein Biorhythmus. Schade, dass ich dem im Leben ausserhalb meiner Quarantänebox nicht nachgeben kann.

Tag 11

Ich wache um 4.30 Uhr auf. Ich bin genervt. Nicht, weil ich nicht mehr schlafen kann, sondern weil ich an diesem Text schreiben will und keine Zeit finde. Ich weiss, dass ich, wenn ich einmal aus diesem Hotel draussen bin, keine Zeile mehr schreiben werde. Ich muss das jetzt tun. Ich setze mich an den Laptop und schreibe, bis der Wecker klingelt. 7.30 Uhr.
Heute soll ich noch ein letztes Mal getestet werden. Ich weiss nicht, wann sie kommen. Ob sie mich abholen oder ob der Test in meinem Türrrahmen stattfindet.

Er findet auf meiner Bettkante statt. Dauert keine zwei Minuten. Routine in China.

Tag 12

Spätestens, wenn um 15.30 Uhr die ganz in weiss gekleidete Temperaturmessungsdame an der Tür klopft, um mir das zweite Mal am Tag die Pistole an die Stirn zu setzen, weiss ich, dass Zeit für ein Nickerchen ist. 35,6 Grad habe ich heute Nachmittag. Bestens. Ich muss schmunzeln. Nicht eine Sekunde hätte ich in den ersten zwei Tagen gedacht, dass ich jemals über die chinesischen Astronauten würde schmunzeln können.

Tag 14

Ich bin dankbar für diese zwei Wochen. Ich habe so viel über mich gelernt, ich weiss nun, dass wir Menschen in der Lage sind, ausweglos erscheinende Situationen zu meistern. Dass wir Stärken haben, von denen wir vielleicht nichts wussten. Dass wir uns immer wieder selbst überraschen können. Dass selbst der engste Raum zum Freund werden kann.

Mittags verlasse ich das Zimmer, das mich 330 Stunden beherbergt hat. Es war immer warm, von der Winterkälte in Shanghai habe ich zwei Wochen nichts gespürt.

Über die Autorin

Evelyn Glose (41) ist Münchnerin. Sie lebt und arbeitet seit Sommer 2019 in Shanghai. Ihrem Motto «Mach jeden Tag etwas zum ersten Mal» ist sie selbst auf begrenztem Raum treu geblieben: Workout mit YouTube-Videos beispielsweise war eine dieser wertvollen neuen Erfahrungen.

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