Auf der legendären Gibb River Road

Unscheinbar liegt sie vor mir. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie viele ungeteerte Strassen in Australien. Und doch hat genau diese staubige Piste einen legendären Ruf, von dem ich seit Jahren höre. Ich war eine von vielen Backpackern, die es magisch nach Down Under zog. Irgendwie hatte ich es jedoch geschafft, nicht wie so viele andere an der Ostküste hängenzubleiben. Stattdessen kaufte ich mir einen Geländewagen und umrundete Australien auf einer zehnmonatigen Reise, die noch heute Anekdoten fürs Lagerfeuer liefert.

Auf den 35 000 Kilometern, die ich damals zurücklegte, traf ich unzählige Australier, die meine Begeisterung für die unberührte Wildnis des Landes teilten. Einige raunten mir zu – als würden sie mir ein lang gehütetes Familiengeheimnis verraten – unbedingt die Gibb River Road abzufahren. Dies sei die legendäre Piste, welche der ehemaligen Kuhtreiberroute durch die Savanne der Kimberley-Region in Westaustralien folge. Und diese Strasse hat es anscheinend in sich: Man braucht einen Geländewagen, viel Zeit, Geduld, Fahrgespür und vor allem auch Abenteuerlust.
Ich hatte all dies, und doch wurde damals nichts daraus: Ich passierte die Kimberleys Ende November, zu Beginn der Regenzeit. Die Strassen abseits des Highway 1 waren bereits gesperrt. Zu gross die Gefahr, dass sich die Grassavanne in einen Inlandsee verwandelt. Ich entschied mich, es für dieses Mal sein zu lassen. Aber ich nahm mir fest vor, eines Tages zurückzukehren und die legendäre Gibb zu fahren.

Und so stehe ich – einige Jahre später – nun also hier. 215 Kilometer östlich von Broome, der letzten Bastion der Zivilisation im Nordwesten Australiens. Vor uns liegen 660 Kilometer und zwei Wochen Zeit. Mein Partner und ich haben einen Toyota Landcruiser mit einem Off-Road-Trailer gemietet. Eine Campingausrüstung ist in der Miete dabei, zwei Dieselkanister und eine Landkarte haben wir hinzugekauft, Vorräte für die komplette Strecke gab es im Supermarkt, und meine Notizen aus wochenlanger akribischer Internetrecherche liegen vor mir auf dem Armaturenbrett. Die Gibb will nämlich geplant sein. Auch wenn es scheint, als wäre alles nur Wildnis, und man könne übernachten, wo man wolle, so gibt es doch auch hier Regeln. Eine davon lautet: Campe nur da, wo es offiziell erlaubt ist, oder mit Genehmigung des Landbesitzers. Und da die Viehzüchter hier Grundstücke von einer Grösse bis zu einer Million Hektaren haben und es einige Zeit dauern würde, sie zu finden und um Erlaubnis zu fragen, haben wir uns eine Liste mit den offiziellen Campingplätzen, Sehenswürdigkeiten und Roadhouses angelegt. Es kann also losgehen.

Die ersten 45 Minuten sind harmlos. Die Strasse ist geteert, und wir fragen uns bereits, ob sich in den letzten zehn Jahren vielleicht einiges verändert hat und zudem auch noch alle Internetinformationen falsch sind. Aber ohne Vorwarnung bricht die Teerstrasse ab und geht in eine Staubpiste über. Endlich. Die Freude währt allerdings nur einige Minuten. Plötzlich rüttelt und schüttelt es, als wären wir im Schleudergang einer Waschmaschine. Corrugations – die hatte ich komplett vergessen. Diese Wellblechrillen können einem das Leben zur Hölle machen, wenn man nicht die richtige Geschwindigkeit findet. Die muss natürlich immer angepasst werden, je nachdem, wie hoch und wie weit voneinander entfernt diese Miniwellen im Boden sind. Und selbst dann kann es sein, dass es einen bei zu viel Schwung aus der nächsten Kurve trägt.
Bevor wir uns an die richtige Geschwindigkeit herantasten, müssen wir allerdings erst einmal Luft aus den Reifen lassen, um die Stösse abzumildern. Jetzt, mit der richtigen Geschwindigkeit und dem perfekten Reifendruck, können wir die einzigartige Landschaft um uns herum geniessen. Das gelbe Gras der Savanne wiegt sich leicht im Wind, hohe Termitenhügel von grau bis ockerrot schmücken die Gegend. Mächtige Flaschenbäume breiten erhaben ihre Äste aus, das eine oder andere Wallaby hüpft im späten Nachmittagslicht über die Strasse. Die unendliche Weite erstreckt sich bis zum Horizont.

Wir könnten die Gibb zwar theoretisch an einem (sehr langen) Tag komplett abfahren, aber die meisten der Naturwunder der Kimberleys würden wir dann verpassen. Viele befinden sich nämlich entlang kleinerer Tracks, die von der Hauptroute abzweigen. Oftmals fährt man noch einmal 20 bis 50 Kilometer, bevor man dorthin kommt, wo es etwas zu sehen gibt.
Unsere erste Übernachtungsmöglichkeit ist der Campingplatz des Windjana-Gorge-Nationalparks. Als die Sonne langsam sinkt, taucht sie die steilen Felswände der Napier Range hinter uns in ein magisches Rot und lässt sie erglühen. Nur wenig später liegt alles im Dunkeln, die ersten Lagerfeuer werden entzündet. Wir geniessen den Luxus einer heissen Dusche, kochen und bestaunen bei einer kühlen Flasche Bier den unglaublichen Sternenhimmel, den es so nur in Australien gibt. Nachdem wir das Kreuz des Südens ausgemacht haben, geht es früh ins Bett. Immerhin ist morgen um viertel vor sechs wieder Sonnenaufgang, und da man hier nur knappe zwölf Stunden Tageslicht bekommt, haben wir vor, dieses voll zu nutzen.

Am nächsten Tag besuchen wir zwei der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Region. Diese sind nicht nur über die Gibb, sondern auch leicht über die Leopold Downs Road vom südlich gelegenen Highway 1 aus erreichbar. Sie werden somit von vielen besucht, die nicht das grosse Abenteuer suchen, sondern nur auf der Durchreise sind und einen Abstecher machen wollen. Windjana Gorge betreten wir durch einen Spalt in der Felswand, der das Tor zu einer anderen Welt zu sein scheint. Ich entdecke versteinerte Fossilien im Fels, die einen daran erinnern, dass dieses Gestein vor etwa 400 Millionen Jahren Teil eines Riffs war. Nach einer kurzer Wanderung auf dem Pfad im Schatten von Eukalyptusbäumen kommen wir an einen breiten Strand. Im grossen Wasserloch daneben treiben rund drei Dutzend Süsswasserkrokodile, die kleinen und offiziell eher harmlosen Cousins der gefährlichen Salzwasserkrokodile. Wir haben sie erwartet, sind dann allerdings doch sehr überrascht, wie viele wir sehen. Regungslos liegen sie im Wasser und beobachten uns. Entlang eines meist trockenen Flussbetts wandern wir tiefer in die Schlucht hinein und erhalten einen grandiosen Blick auf die bunten, bis zu 100 Meter hohen Felswände. Es wirkt alles so archaisch, dass ich mich nicht darüber wundern würde, wenn plötzlich ein Dinosaurier auf der Bildfläche erschiene.
Nachdem wir uns an den Anblick der friedlich wirkenden Krokodile in der Windjana Gorge gewöhnt haben, fühlen wir uns bereit, den nahe gelegenen Tunnel Creek zu erkunden. Denn auch hier findet man einige Vertreter dieser Tiere – allerdings nicht gut sichtbar im Sonnenschein, sondern verborgen im Dunkeln. Tunnel Creek ist nämlich ein unterirdischer Fluss, der sich 750 Meter durch einen Berg gebohrt hat, und den man zu Fuss im maximal knietiefen Wasser durchwaten kann. Aufgrund der Grösse des Tunnels und des grossen Lochs auf halber Strecke, das viel Licht herein lässt, ist das Ganze harmloser als es sich zuerst anhört. Neben uralter Felsmalerei sehen wir zwar auch einige kleine rote Augen von Süsswasserkrokodilen, aber die scheinen kein Interesse an uns zu haben. Und so kommen wir heil am anderen Ende des Tunnels heraus, wo sich ein friedlicher Waran sonnt.

Die folgenden Tage sind voll mit erstaunlichen Entdeckungen. Auch wenn die Savanne der Kimberleys auf den ersten Blick karg und trocken erscheint, so stellen wir ziemlich bald fest, dass es hier unglaublich viele Schluchten gibt. Diese wurden und werden noch immer von Flüssen geformt, welche traumhafte Wasserfälle und natürliche Schwimmbecken in allen Grössen kreieren. Mathew Gorge bei Mount Hart verzaubert uns gleich beim ersten Anblick mit seinen Seerosen und tief hängenden Eukalyptusbäumen. Bells Gorge ist einige Nummern grösser und bietet deshalb auch einen wunderschönen Wasserfall mit grossem Pool zum Schwimmen, der uns angenehm erfrischt. Die menschenleere Sir John Gorge erkunden wir mit dem Kanu und verbringen den ganzen Tag an einem smaragdfarbenen Billabong im Tin Can Gully. Das absolute Highlight des Trips ist das Mitchell Plateau, wo wir uralte Felsenmalereien finden, unter den Wasserfällen von Mertens Falls duschen und in den natürlichen Pools oberhalb der atemberaubenden Mitchell Falls abtauchen.

Plötzlich weiss ich, warum diese Staubpiste wie ein Geheimnis gehütet wird. Es sind die unzähligen Oasen entlang der Strecke, die diesen Trip zu etwas ganz Speziellem werden lassen. Bei den Australiern selbst hat es sich herumgesprochen. Vor allem die ältere Generation, die in Rente sind und mit ihren mobilen Behausungen durchs Land zieht, ist überall zu sehen. Ausländische Touristen verschlägt es kaum hierher. So kommen wir mit vielen Einheimischen ins Gespräch. Sie wollen wissen, wie wir von der Gibb erfahren haben. Denn normalerweise buchen die ausländischen Besucher ihre Reisen über die Handvoll Touranbieter, die ihre Gäste in Offroadbussen von einer Lodge zur anderen fahren und auf dem Weg auch die bekanntesten Sehenswürdigkeiten abklappern. Nur wenige trauen sich, selbst einen Geländewagen zu mieten und loszufahren.
Dabei ist die Strecke weit weniger anspruchsvoll, als ich ursprünglich dachte. Klar, man sollte schon etwas Erfahrung auf nicht geteerten Strassen mitbringen, wissen wie man den Reifendruck ändert und auch, wie man einen Reifen wechselt. Aber ansonsten ist die Gibb heutzutage recht harmlos. Die Planiermaschinen fahren so regelmässig, dass man teilweise mit über 100 km/h durch die Landschaft brausen könnte. Aber Vorsicht: Alle paar Kilometer gibt es ein lebensmüdes Wallaby oder eine störrische Kuh auf der Strasse und mehr oder weniger dichte Staubwolken des Gegenverkehrs. Und es gilt auch, die unzähligen Flussüberquerungen zu meistern. Die sind ein Kapitel für sich. Manche, wie der mächtige Pentecost River mit seinen Salzwasserkrokodilen oder der King Edward River auf dem Weg zum Mitchell Plateau, bestimmen, ob man einen Track überhaupt fahren kann oder nicht.
Und hier sieht man auch schon die grösste Problematik, wenn man einen Trip auf der Gibb River Road plant: Man darf nicht zu früh in der Saison losfahren, da eventuell noch nicht alle Strassen befahrbar sind, aber je später in der Saison man startet, desto trockener wird es. Die Wasserfälle führen kein Wasser mehr und die sonst kristallklaren Wasserlöcher werden morastig. Im Gegenzug werden die Flüsse klarer, da sich die Sedimente abgesetzt haben.

Als wir uns dem Ende der Gibb nähern und ich einen Blick auf unseren Tacho werfe, bin ich überrascht. Aus den eigentlichen 660 Kilometern wurden fast 2000. Gut, dass wir 14 Tage eingeplant hatten. Im Nachhinein betrachtet, hätten wir sogar locker doppelt so viel Zeit in dieser atemberaubend schönen Landschaft verbringen können. Nachdem ich diese Staubpiste durch eine der letzten Wildnisse Down Unders nun gefahren bin, könnte ich sie eigentlich von meiner Bucket List streichen. Aber ich glaube, ich lasse sie dort stehen. Die Gibb macht definitiv süchtig und ist eine Destination, die selbst erfahrene Australienkenner noch überrascht.

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