Ranch der Leidenschaften

Und jetzt? Es gibt Momente im Leben, wo diese Frage auftaucht. Zum Beispiel jetzt: Ich stehe allein auf einem Hügel in Bulgarien, halte am ausgestreckten Arm eine Karotte und werde von einem halben Dutzend Pferde angeglotzt. Doch am blödesten gucke ich, der neue Aushilfs-Cowboy. Die Lektion: Pferde hören nicht auf Namen. «Wesna!», hallt es vergebens über die sommerlichen Hügel. So heisst die Stute, auf der ich gleich ausreiten soll. Das hat meine Chefin auf der Ranch angewiesen, mit dem Hinweis, Wesna sei braun und habe einen hellen Fleck auf der Stirn. Leider sind fast alle Pferde hier auf der Koppel braun, von hell bis fast schwarz. Und Flecken haben auch einige. Auf dem Nachbarshügel grasen zudem noch mehr braune Pferde.

Auf gut Glück binde ich das Seil ans nächstbeste Pferd und spaziere mit ihm zwanzig Minuten zurück durch die menschenleere Landschaft bis zur Ranch. Dort schimpft die Chefin: «Aber das ist doch nicht Wesna!» Böse Blicke schiessen mir von der zwölfköpfigen Ausreit-Truppe auf ihren längst fertig gesattelten Rössern entgegen. Denn alle müssen nun nochmals warten.

Doch was hat überhaupt eine Wildwest-Ranch in der bulgarischen Pampa zu suchen? Die kurze Antwort lautet: Ein polnisches Ehepaar, Ex-Modell Amelia und Ex-Börsenmakler Karol, hat sich vor acht Jahren einen Traum erfüllt und in den Bergen hinter Sofia ein einsames Stück Land gekauft. Dazu mehrere Pferde der Rasse «American Quarter Horse» und allerlei Ausrüstung, alte Wohnwagen und Solartechnik. Nun leben sie von Reitstunden für gestresste Grossstädter aus Sofia. Zugegeben: Bei der Ankunft glaubte ich mich zunächst in einem postapokalyptischen Nomadenlager, statt auf einer Ranch. Auf dem Fussballfeld-grossen Gelände liegen Werkzeuge herum, ein Gewehr lehnt an einer Blechtonne, Äxte stecken in Baumstümpfen, Plastikplanen verbergen Maschinen oder vielleicht auch nur Schrott. Einzig ein pilzförmiges Holzhaus und ein kreisrunder Reitplatz lassen erahnen, dass hier permanent Menschen leben.

Und doch ist das hier nicht nur das Off-Grid-Zuhause des Pferde-Pärchens, sondern auch eine Bleibe für Reisende. Wenngleich es sich um eine ganz besondere Form des Reisens handelt: Tiersitting – im Austausch für Unterkunft und Verpflegung. Auf der bulgarischen Ranch wollen nicht nur Pferde gefüttert werden, sondern auch Kühe, Hühner, Kaninchen, Schweine, Truthähne, Ziegen, Schafe, Maultiere, Hunde und sogar ein Rabe.

Die Tiersitter sind im Alter zwischen 18 und 35. Neben mir sind da noch ein Italiener, ein Tscheche und eine junge Frau aus Wales. Sie alle sind gekommen, weil sie vom Landleben mit Pferden träumen und reiten lernen wollen. Manche bleiben für einige Wochen, andere sind schon mehrere Monate da. Als zahlende Touristen könnten sie sich das nicht leisten. Darum packen die Tiersitter als freiwillige Arbeitskräfte mit an.

Weil der Tscheche und Italiener, beides sportliche Mittzwanziger, am längsten da sind, schlafen sie im eigenen Wohnwagen. Ich muss einen alten Militäranhänger samt Pritschen teilen. Morgens kurz nach Sonnenaufgang geht es in Gummistiefeln auf die taufeuchte Wiese, um die Tiere zu füttern, die in improvisierten Gehegen aus Europaletten und Maschendraht leben. Wichtig ist zudem das Melken der Kuh mit einer mobilen Maschine. Erst danach wird gefrühstückt. Auch später, wenn die Sonne hoch steht, gibt es etwas zu tun. Ein tiefer Brunnen muss gebuddelt, ein Wäldchen gerodet sowie der kilometerlange Zaun der Pferdekoppel ausgebessert werden. Obwohl es körperlich anstrengend ist, sagt die junge Waliserin: «Ich fühle mich erholter als daheim.» Sie hat gerade Ferien von ihrer Ausbildung zur Krankenschwester. Der Tscheche, der stets mit Cowboyhut und Militärjacke herumläuft, hat sogar seinen gut bezahlten Job als Mechaniker bei Skoda gekündigt, um hier zu sein.

Unglücklich wirken seltsamerweise nur die Besitzer der Ranch. Sie leben in einem hölzernen Westernwagen mit Bullenschädel über der Tür. Die athletische Amelia ist Anfang 30 und sieht mit brünettem Pferdeschwanz und Jeans aus wie ein Cowgirl aus der Werbung. Nur der meist traurige Blick liesse sich schlecht verkaufen. Ihr bulliger Mann Karol trägt stets Fransenhose und einen weissen Cowboyhut auf dem Kopf. Wie bei einem gefürchteten Outlaw ist sein Laune oft grimmig und er redet eigentlich nur, wenn er sich mit Amelia streitet oder ein Tier anbrüllt. Kurzum: Für Traumerfüllung vom Leben mit Pferden ist die Ranchluft eindeutig zu dick.

Am Lagerfeuer unterm sternklaren Himmel kommt irgendwann die Wahrheit ans Licht. Karol ist wie immer direkt nach dem Abendessen im Westernwagen verschwunden. Seine Frau wurde hingegen am Wohnwagen des Italieners unten am Bach gesichtet. Wir anderen Tiersitter sitzen um die wärmenden Flammen und dann packt der Tscheche aus, er lebt schon fast ein Jahr hier und kennt das dunkle Ranch-Geheimnis. Demnach hatte das Ehepaar zwar tatsächlich vor acht Jahren die Ranch gekauft. Allerdings war nicht Traumerfüllung der Grund gewesen, sondern Flucht vor dem Gesetz.

Karol hatte als Börsenmakler in Polen Anleger betrogen und war mit seiner Frau schliesslich hier in Bulgarien untergetaucht. Die Sheriffs fanden ihn trotzdem und er musste mehrere Jahre hinter Gitter. Während dieser Zeit schmiss Amelia die Ranch alleine und kam auf die Idee mit den Tiersittern als Helfer. Inzwischen ist Karol zwar wieder da. Doch die Ranchbesitzer leben in innerer Scheidung. Zudem haben sie Affären mit ihren Freiwilligen. Amelia gerade mit dem schönen Italiener, einem ehemaligen Profi-Fussballer, der vor sechs Monaten hier angeheuert hat. Nur ihr jähzorniger Mann hat niemanden und ist eifersüchtig, was seine gereizte Laune erklärt.

Die Flammen des Lagerfeuers erhellen besorgte Tiersitter-Gesichter. Erstens ist es nie schön, wenn sich der Gastgeber als vorbestrafter Krimineller herausstellt. Und zweitens liegen überall auf der Ranch Waffen herum, Äxte, Messer, Kettensägen, sogar ein Gewehr. Was wenn der Eifersüchtige plötzlich durchdreht? «Ist das dein Ernst?» fragt die achtzehnjährige Waliserin schockiert, als der Tscheche meint, sie solle doch was mit dem Fast-Vierziger Karol anfangen, damit sich die Stimmung auf der Ranch bessert. Sie bekommt es mit der Angst zu tun, denn als Tiersitter reist man ohne Sicherheitsnetz. Beschwerde beim Reiseveranstalter? Es gibt keinen. Alle hier sind über die eine Vermittlungswebsite gekommen, wo man per Klick der eigenen Verantwortung zustimmen muss.

Wer die Ranch verlassen will, muss sich mit ausgestreckten Daumen an die einsame Landstrasse stellen oder ein paar Stunden bis zur nächsten Bushaltestelle Richtung Sofia laufen. Doch noch bleiben alle. Schliesslich haben die Tiersitter ihre Schützlinge ins Herz geschlossen. Neben einer anhänglichen bunten Ziege, dem frechen Raben und den plüschigen Hundewelpen sorgen vor allem die Pferde für eine unvergessliche Zeit. Wenn die Grossstädter am Wochenende zum Reiten kommen, geht es im Trab und Galopp über goldene Weizenfelder und durch tiefgrüne Eichenwälder. Wer es sich zutraut, kann auch unter der Woche ein Pferd von der Koppel holen und alleine losreiten. Das ist eben der Vorteil eines postapokalyptischen Nomadenlagers ohne Aufsicht und Protokoll. Der Nachteil: Wer abgeworfen halbtot im Gras landet, wird für eine Weile nicht gefunden.

Aber am Ende geht alles gut. Nach einem Monat menschlichem Drama und tierischer Idylle stehe ich mit Rucksack und ausgestrecktem Daumen an der Landstrasse. Und oben auf dem Hügel wiehert zum Abschied ein Pferd – es ist, ganz klar, Wesna!

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