Mikrokosmos auf Schienen
Das Rückgrat der indischen Personenbeförderung ist über 170 Jahre alt, transportiert täglich bis zu 25 Millionen Passagiere durchs Land und bewahrt dabei eine unerreichte Ästhetik. In den scheinbar endlosen Waggonketten der Indian Railways entfalten sich temporäre kleine Welten der indischen Gesellschaft.
Ausgabe: 158 Text und Bilder: Felix Müller
Es ist 6.30 Uhr morgens, als mein bester Freund Phillip und ich in den Amaravati Express steigen. Die Luft lässt sich beinahe schneiden, es riecht nach Urin. Vor uns liegt eine der längsten Fernverbindungen der Welt. Auf über 2000 Kilometern durchquert die Eisenbahn fünf Staaten Indiens: von Goa an der Südwestküste bis ins bengalische Kolkata im Nordosten.
Eigentlich sind wir mit dem Wohnmobil in Indien. Ein halbes Jahr brauchten wir von Deutschland bis hierher. Ein weiteres halbes Jahr fuhren wir durchs Land. Doch jetzt ist es wirklich Zeit für einen Tapetenwechsel. Und genau den soll diese Zugfahrt einläuten.
Nach einer Odyssee aus Wahrscheinlichkeitsrechnungen, Wartelisten und Sonderkontingenten haben wir in letzter Minute noch ein «Reservation-Against-Cancellation-Ticket» (RAC) für die Fahrt ergattert – wir dürfen uns für 42 Stunden eine schmale Einzelliege teilen und dafür den vollen Preis bezahlen.
Das RAC-Ticket garantiert dem Fahrgast zwar die Mitfahrt, aber keinen eigenen Schlafplatz. Oft teilen sich deshalb zwei RAC-Passagiere einen Liegeplatz zum Sitzen, bis ein Platz frei wird. Dass Indian Railways, wichtigster Personentransport auf Langstrecken, ein Ticketsystem benutzt, das Kenntnisse in Statistik und Datenwissenschaften voraussetzt, ist nur eine der vielen Besonderheiten, die das Reisen mit dem Zug in Indien so speziell machen.
Das 170 Jahre alte System befördert täglich bis zu 25 Millionen Menschen und ist der neuntgrösste Arbeitgeber der Welt. Teilweise operiert es noch mit Dieselloks und manuellen Stellwerken aus der britischen Kolonialzeit. Reisende können aus bis zu 13 Hauptklassen wählen – von der komfortablen und klimatisierten First Class bis zur überfüllten, nach Schweiss riechenden «General Unreserved».
Wie geht die Geschichte weiter?
Der Fotograf hat Glück und ergattert eine freie Liege, doch an Schlaf ist trotzdem nicht zu denken. Stattdessen wandert er mit seiner Kamera leise von Abteil zu Abteil und schliesst unzählige neue Bekanntschaften.
Über den Fotografen
Felix Müller (32, mit Kamera) wuchs in Bremen auf und entdeckte seine Leidenschaft für Fotografie und Reisen bei einem Auslandssemester in Indien 2016. Nach seiner Rückkehr fasste er den Entschluss, seinem besten Freund Phillip das Land zu zeigen – sechs Jahre später machten sich die beiden in einem selbst ausgebauten Oldtimerbus auf den Weg.
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