Lernen und Leben im vielstimmigen Dschungel
Zum Zirpen der Zikaden einschlafen, im Baumhaus mit Kindern kochen und nachts über den vielstimmigen Dschungel staunen: Salome Achermann unterrichtet während vier Monaten im Rainforest Treehouse Projekt.
«Ist es im Dschungel nachts lauter als tagsüber?», frage ich mich, während ich langsam und bedacht zu meinem Schlafplatz steige. Mit der Taschenlampe beleuchte ich abwechselnd den Boden und die Büsche links und rechts. So vermeide ich, auf ein Tier zu treten oder in ein Spinnennetz zu laufen. Je höher ich steige, desto leiser wird das Rauschen des Flusses. Das Zirpen der Zikaden nimmt mit der Dichte der Bäume zu. Und die unterschiedlichen Quakgeräusche der Frösche dringen auch noch zu mir hoch, als ich die Ebene mit dem Baumhaus Nummer 10b erreiche. Ich klettere die hölzerne Leiter hoch, klappe die Luke zurück und bugsiere mein Gepäck ins Innere. Hier hänge ich das Moskitonetz auf und richte mein Lager für die Nacht ein.
Ich befinde mich im Süden von Malaysia, ungefähr eine Stunde Autofahrt von Singapur entfernt. Bei der Zufahrt sieht man auf der linken Seite, etwas versteckt, ein Eingangstor aus Bambus. Durch dieses betritt man das Projekt Rainforest Treehouse. Die meisten bleiben hier kurz stehen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Zur rechten Seite befinden sich die Lobby und die Bäckerei, links die Küche und die Schreinerei. Steigt man die Steinstufen hoch, steht man unter der dreistöckigen Cafeteria. Was man von hier aus nicht sieht, sind die vier Schulhäuser und sechs weitere Baumhäuser, welche alle in ungefähr 15 Gehminuten erreichbar sind. Tagsüber hört man hier unten das Klappern von Töpfen, das Geräusch der Kaffeemühle, die Kreissäge oder das Flötenspiel der Schulkinder.
Während vier Monaten gehören das Unterrichten von Backen und Kochen, Englisch sowie diverse Outdooraktivitäten zu meinen Haupttätigkeiten. Ich arbeite und wohne hier gemeinsam mit ungefähr 20 Personen. Morgens wecken uns die Gebetsrufe aus der hiesigen Moschee. Um 7 Uhr treffen die Kinder ein. Sie sind zwischen vier und zwölf Jahre alt und werden von den Eltern aus den umliegenden Städten hergefahren. Der Unterricht startet um 7.30 Uhr mit Sport und Musik im flachen Teil des Geländes. Anschliessend schultern die Kinder Rucksack und Trinkflasche und steigen den Hang zu den Schulhäusern hinauf. Jede Klasse hat ihr eigenes Baumhaus. Diese bestehen aus zwei Etagen und sehen alle unterschiedlich aus. Die Wände sind offen. Praktische Arbeiten unterrichten wir auf dem Boden sitzend. Zum Schreiben stellen die Kinder ihre Pulte vor der Wandtafel auf. Regnet es, schieben sie die Pulte an trockene Stellen. Schauen die Affen auf der Suche nach Lebensmitteln vorbei, wird der Unterricht so lange unterbrochen, bis sie wieder weiterziehen. Fällt ein Stift aus dem Baumhaus, geht man den kurz suchen. Ich staune und schmunzle oft über diese kleinen Situationen, welche für die Kinder hier so selbstverständlich scheinen.
Yeow Tan startet 2014 das Projekt Rainforest Treehouse. Nach seinem Physikstudium arbeitet er hauptsächlich auf dem Bau und als Naturführer. Er verspürt ein tiefes Bedürfnis die Wälder von Malaysia zu schützen. Mit dem Ziel, Bildung für Kinder in der Natur anzubieten, pachtet er ein Stück Land und beginnt Baumhäuser zu bauen. Hilfe holt er sich von einer Orang Asli Familie. Die indigenen Volksgruppen leben seit je her im und vom Dschungel. Von ihnen lernt er, was man essen kann, womit man baut und um welche Tiere man besser einen Bogen macht. Das Projekt läuft gut an und bereits zwei Jahre später, 2016, beginnt der Unterricht für die erste Klasse mit vier Kindern und einer Lehrperson. Von da an wird jedes zweite Jahr eine weitere Klasse eröffnet. Heute besuchen 40 Kinder täglich den Unterricht.
Bis 2020 läuft vieles wie gewünscht. Dann fallen durch Covid die Einnahmen weg. Die Termiten zerlegen die Gebäude schneller, als sie unterhalten werden können. Und die Erneuerung des Pachtvertrages ist unklar, da der Verpächter stirbt. Viel Ungewissheit, aber auch viel Zeit zum Experimentieren führen dazu, dass das Team von Rainforest Treehouse einen Holzofen baut und beginnt, Brot zu backen. Zusätzlich wird die Cafeteria geplant und schnell umgesetzt, als es nach Lockerung der Covid-Massnahmen aussieht. Der Vertrag wird erneuert. Die Menschen treffen sich wieder und die Cafeteria im Dschungel ist perfekt dazu. Es kann weiter gehen.
Für mich ist es unglaublich spannend, das Zusammenleben der Menschen mit der Natur hier zu beobachten, und inspirierend zu sehen, was im Kleinen in relativ kurzer Zeit möglich ist.
Der Frage «Ist es im Dschungel nachts lauter als tagsüber?» bin ich während mehreren Tagen nachgegangen. An diversen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten habe ich den Schallpegel gemessen und weiss nun, dass es hier tags- und nachtsüber zwischen 50 – 60 Dezibel laut ist.
| Von: | Salome Achermann [[email protected]] |
| Gesendet: | 15. April 2025 10:10 |
| An: | Redaktion [[email protected]] |
| Betreff: | Malaysia |





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