Strömungswechsel
Madagaskar ringt mit Armut, Klimawandel und politischer Instabilität. Die letzten sich selbstversorgenden Savannenbewohner der Mikea und der Masikoro kämpfen mit Dürreperioden, die Vezo-Fischer an der Strasse von Mosambik mit schrumpfenden Ressourcen und immer heftigeren Taifunen. In diesem Treibsand der Herausforderungen brauchen die Naturvölker Einfallsreichtum und Anpassungsfähigkeit.
Ausgabe: 157 Text und Bilder: Claudio Sieber
Das Flugzeug landet in Toliara, dem Tor zum ungezähmten Südwesten Madagaskars. Michel Strogoff erwartet mich. «Goff» kennt Land und Leute. Für die kommenden Wochen ist er Kumpel, Vermittler, Übersetzer und wie sich herausstellen wird, auch Entertainer. Der 35-Jährige ist ein Vezo-Fischer. Er hat eine unvergleichbare Karriere hinter sich: vom Haifischjäger zum Naturschützer. «80 Prozent der Menschen in Madagaskar sind ungebildet, mich eingeschlossen», sagt er. Das motiviere ihn, seiner Gemeinschaft zu zeigen, was möglich ist. «Der Ozean ist meine Lebensgrundlage, mein Erbe und meine Freiheit. Verschmutzung und Überfischung führen in eine Sackgasse.» Deshalb widmet sich Goff heute dem Naturschutz, um seinen Leuten und der Umwelt eine bessere Zukunft zu sichern.
Die Mikea.
Bevor wir losdüsen, besuchen wir den Markt, kaufen Schlafmatten, Moskitonetze, Baguettes, Reis, Bohnen, Obst, Tabak, ein paar Gallonen Wasser und Gewürze – Raritäten, die es im Hinterland nicht gibt. Dann rollen wir im Allradfahrzeug mit Fahrer Fidy auf glattem Asphalt nordwärts, audiovisuell begleitet von seiner Songkollektion – performt von indigenen Minderheiten. Vermutlich haben sie all ihre Ersparnisse in ein billiges Skript und die Videoproduktion gesteckt: massig twerkende Pobacken, cooles Rap-Gefummel, funky Frisuren und natürlich Poolpartys in gemieteten Villen. Am Auto vorbei zieht die ungeschönte Wahrheit: rustikale Lehmhäuser und Frauen, die allerlei auf den Köpfen balancieren. Immer wieder stoppt Fidy, weil Herden von Ziegen und Zebus Vortritt fordern.
Kurz nach Mittag wird die Hitze unerträglich. Die Klimaanlage gibt schon kurz nach Abfahrt den Geist auf. Ausserdem gibt es seit 50 Kilometern keine Bistros mit Kühlschränken und damit auch keine erfrischenden Getränke mehr.
Wir biegen auf einen Pfad in eine sandige Einöde ab, der nach einer Stunde in einem Dorf endet. Hier holen wir den stellvertretenden Dorfbürgermeister ab. Er möchte uns persönlich den Mikea vom Dorf Bedo vorstellen, einem Aussenposten, der in seinen Zuständigkeitsbereich fällt.
In Bedo werden wir von Ramene, dem Dorfältesten, und seiner Familie begrüsst, einer der fünf Clans, die sich auf zehn Grashütten verteilen. Ob wir bleiben dürfen, entscheidet nicht Ramene, sondern der heilige Baobab, den sie seit zig Generationen als Geburtshelfer, Ehetherapeuten und Berater verehren. Beim Mahavelo – dem Hüter des Lebens – sprenkelt Ramene etwas Rum über dessen Wurzeln und murmelt dabei beschwörend. Dann verkündet er fröhlich, wir seien willkommen.
Auf dem Rückweg erzählt Ramene, wie sich ihre nomadischen Vorfahren lange vor der Kolonialisierung, als noch Könige herrschten, vor einer drohenden Tyrannei im Wald versteckten und nie wieder zurückkehrten – seither nennen sie sich Mikea, Madagassisch für «die im Verborgenen leben». Oft von den Madagassen als schmutzige Ausgestossene betrachtet, bot ihnen der Wald über mehrere Generationen hinweg Zuflucht. Bis Jahrzehnte der Dürre die Tandroy-Stämme vermehrt vom Süden in den Norden trieben. Deren Suche nach neuen Ressourcen endete nicht selten in Plünderei und Brandrodungen. Um weiteren Naturschaden zu verhindern, beschloss die Verwaltung des Mikea-Nationalparks, alle Menschen aus der Parkzone zu verbannen, einschliesslich rund 3200 friedlichen Mikea, die seither am Rande des Mikea-Waldes siedeln.
Tropfen für Tropfen.
Der späte Nachmittag duftet nach dürrem Gras und verkohltem Feuerholz. Einige Frauen haben ein Kilangay auf den ausgestreckten Beinen drapiert – fünf Holzstücke, kunstvoll zu einem schlichten Xylophon gestimmt, dem sie eine monotone Melodie entlocken. Mein Blick schweift durch den Weiler: Die Mikea leben sehr ordentlich, ohne Müll oder unnötigen Schnickschnack. Kleidung? «Überflüssig bei dieser Hitze», sagt Ramene. Ausserdem gibt es kein Wasser, um Kleidung zu waschen. Stattdessen legt sich die ziegelrote Erde wie ein krustiger Schleier über ihre Körper. «Meine letzte Dusche? Ist lange, lange her», sagt der Senior ohne sarkastischen Unterton. Normalerweise duschen die Mikea nur während der Regenzeit – also hoffentlich nächsten Monat.
Mit der hereinbrechenden Nacht sitzen wir um ein kleines Feuer, während ein Orchester aus Grillen die Stille durchbricht. Es gibt weder Strom noch künstliche Lichtquellen. Nur die züngelnden Flammen werfen ein weiches Licht auf die Gesichter der Menschen. Ihre Lebensweise, für mich unvorstellbar hart, hat Würde – sie ist ernüchternd und inspirierend zugleich. Seit jeher überleben die Menschen hier als zersplitterte Kommunen aus vagabundierenden Individualisten. Sie leben ohne Hierarchie und ohne kollektive Führung.
Am nächsten Tag begleiten wir Ramene beim Sammeln von Wildnahrung. Jeder Tag der Mikea beginnt und endet mit dem Aufspüren von wasserhaltigen Wurzeln und Knollenfrüchten sowie von laufenden, kriechenden oder fliegenden Proteinquellen. Wilder Honig, Pfauen und Lemuren sind bevorzugte Beute, die sich tief im Nationalpark verbergen, wo die Mikea weiterhin jagen dürfen. Während der halbjährigen Trockenzeit verzichten sie mehrheitlich auf diese Pirsch, da die Beutetiere dann zu weit von ihrem Weiler entfernt leben und nur durch tagelange Jagdstreifzüge erreichbar sind. Noch sind Savanne und angrenzende Schutzzone ihr Supermarkt, doch die Mikea lernen vorsorglich, mit Zahlen und der Landeswährung Ariary umzugehen – als Vorbereitung auf die unvermeidliche Makrolandwirtschaft.
Immer tiefer gehen wir in die Savanne. Da und dort hackt Ramene Löcher in die Erde, um Wurzeln zu bergen. Den alten Herrn in der gnadenlosen Sonne schuften zu sehen, erfüllt mich mit Ehrfurcht. Zudem scheint hier jegliches Gestrüpp mit Dornen ausgestattet zu sein, sodass Goff und ich uns völlig verbrannt, zerkratzt und erschöpft ins Dorf zurückschleppen. Die Fähigkeit der Mikea, mit so wenig Wasser zu überleben, ist erstaunlich. Während ich bis fünf Liter am Tag in mich hineinschütte, kommen die Menschen hier trotz anstrengender Arbeit mit einem Liter aus. Ich stehle mich zum Zähneputzen ausser Sichtweite.
Bei den Vezo.
Unser nächstes Ziel liegt westlich vom Mikea-Nationalpark, 20 Kilometer entfernt. Der direkte Weg ist unpassierbar, weshalb wir gezwungen sind, acht Stunden aussenherum zu fahren. Andavadoaka, «Andava», Goffs alte Heimat, wird jede Nacht pünktlich um 21 Uhr wegen Stromrationierung der Finsternis überlassen. «Willkommen in Madagaskar», sagt Goff grinsend, als könnte es diese Floskel mit allen Herausforderungen des Landes aufnehmen. Immerhin habe ich noch eine Stunde Strom und fliessend Wasser, um ein paar Batterien aufzuladen und die Kruste aus dem Reich der Mikea abzuwaschen, bevor ich mich in einem Pool aus eigenem Schweiss schlafen lege.
Wie geht die Geschichte weiter?
Der Autor entdeckt das Leben in den Vezo-Algendörfer, erlebt das emotionale Wiedersehen seines Begleiters mit dessen Grosseltern und drei Onkeln und begleitet die Vezo beim Fischfang, bevor er sich auf den Weg zu den Masikoro macht, die als Kleinbauern gegen Dürre und unberechenbare Wetterzyklen kämpfen.
Über den Autor
Der Ostschweizer Claudio Sieber (44) ist freier Multimediajournalist mit Schwerpunkt auf Kultur- und Gesellschaftsthemen. Wenn er nicht auf Entdeckungstour ist, lebt er auf dem Eiland Siargao auf den Philippinen. Seine Faszination gilt insbesondere maritimen Gemeinschaften und deren kulturellem Erbe. Frühere Recherchen bei den Bajau in Südost-asien führten ihn zur Auseinandersetzung mit der austronesischen Migration – einer uralten Seefahrertradition, die sich selbst in Madagaskar bis heute im Alltag der Küstenvölker widerspiegelt.









