Lili Fernandes ist im Bürgerkrieg von El Salvador gross geworden. Heute terrorisieren Banden das Land. Keine einfache Zeit, Kinder aufzuziehen. Lili lässt sich nicht einschüchtern. Sie kämpft jeden Tag dafür, dass ihre fünf Kinder tun können, was sie selber nie konnte: spielen.

Ausgabe: Nr. 122     Text: Aline Wüst     Foto: Jonathan Voellmy

Carmelo Fernandes sagt, dass viele Männer in Dorf denken, Frauen seien nur dazu da, Pupusas zu machen. Pupusas sind gefüllte Tortillas. Carmelo mag Pupusas. Aber er glaubt nicht, was die Männer sagen. Schliesslich ist er mit Lili verheiratet.
Lili ist 35 Jahre alt und hat die Haare streng aus dem Gesicht gebunden. Sie trägt keinen Schmuck, dafür lackierte Zehennägel. Ihre Schrift ist krakelig, sie mag Schweinefleisch, aber keine Telenovelas. Sie glaubt nicht an Gott, hat aber ein Bild von Oscar Romero aufgehängt, dem salvadorianischen Erzbischof, der sich zeitlebens für die Armen einsetzte. Denn dort, wo Lili, Carmelo und ihre fünf Kinder leben, haben die Menschen nicht viel mehr als das, was sie zum Überleben brauchen.
Ihr Dorf liegt an der Küste von El Salvador. Es gibt einen kleinen Kiosk, der Chips und Softdrinks verkauft, und zweimal in der Woche einen Pick-up, der beladen mit Früchten und Gemüsen die Strasse entlangtuckert. Hin und wieder versucht ein Chauffeur mit einem Tiefkühlwagen voller gefrorener Hühnchen sein Glück. Wer kann, baut selber an, was er zum Leben braucht: Die Männer kümmern sich um den Mais, die Frauen ums Haus. Es gibt eine Schule mit Lehrern, die nicht jeden Tag kommen, und einen Bus, der zweimal am Tag die Ortschaften an der Küste mit der Stadt San Miguel verbindet. Der Bus füllt sich meist rasch. Wer ihn verpasst, geht zu Fuss.

Die Jugendlichen aus dem Dorf sitzen abends oft am Strand auf einem alten Baumstrunk, halten ihre Handys in die Luft und versuchen, ein Signal zu bekommen, das sie mit der Welt da draussen verbindet. Auch Lili ist neugierig. Im Internet surfen kann sie nicht, dafür lernt sie alles, was es in ihrer Umgebung zu lernen gibt. So hat Lili bereits einen Nothelferkurs gemacht, was praktisch sei, wenn man so abgelegen wohne. Sie hat auch einen Kurs zum Umgang mit Abfall besucht, was sie nun an die Kinder der Dorfschule weitergibt. Und statt weiterhin davon zu träumen, nähen zu lernen, ging sie von Haus zu Haus und überzeugte die Frauen vom Nutzen eines Nähkurses. Mit Unterstützung einer Kooperative konnte sie einen solchen Kurs im Dorf organisieren. Als Einzige hat Lili dann auch noch den Fortgeschrittenenkurs in der Stadt besucht – zwei Stunden hin mit dem Bus und zwei zurück. Carmelo hat weggehört, als Männer im Dorf tuschelten, Lili habe doch einen anderen Mann in der Stadt.
Seit zwei Monaten hat Lili eine eigene Nähmaschine. Die kostete 138 Dollar. Lili bezahlt in Raten. Abends sitzt sie nun auf der Veranda, treibt mit wippenden Füssen die Maschine an. Sie näht Arbeitsschürzen für Frauen. Noch nicht jeder Saum ist eine Schönheit. Lili freut sich auch über krumme Nähte. Dass sie nun Besitzerin einer Nähmaschine ist, hat sich herumgesprochen. Ein Nachbarsmädchen bringt gerade eine Jeans vorbei. Sie will die Hosenbeine enger nähen lassen, damit es modischer aussieht. Einen halben Dollar verlangt Lili dafür.
Die meisten anderen Frauen im Dorf haben das Nähen bereits wieder aufgegeben. Lili aber hat schon wieder etwas Neues gelernt: Eine Aushilfslehrerin der Dorfschule hat ihr gezeigt, wie man Ohrringe und Halsketten macht. Also fertigt sie nun auch noch Schmuck aus Plastikperlen, die sie in der Stadt kauft, und Muscheln, die sie am Strand findet. Für einen Vierteldollar verkauft sie das Paar Ohrringe. Mit ihren vielen kleinen Geschäften trägt Lili einen wichtigen Teil zum kargen Familienbudget bei. Das hat seinen Preis. Lili arbeitet von früh bis spät. Für die Hängematte bleibt selten Zeit. Es mache ihr nichts aus, sagt sie. Denn Lili tut es für ihre Kinder. Damit die nicht arbeiten müssen. Viele Kinder in El Salvador müssen arbeiten. Nur so können die Familien ihren Lebensunterhalt bestreiten. Auch Lilis Kinder müssen helfen – in der Küche, ums Haus, Besorgungen machen. Daneben sollen sie aber immer genug Zeit haben, um zu spielen. Denn Spielen ist Lili heilig.

Um das zu verstehen, muss man in Lilis Kindheit zurückgehen. Als eines von sechs Geschwistern hier im Dorf geboren, musste sie mit ihrer Familie in ihrem ersten Lebensjahr vor dem Bürgerkrieg in einen anderen Teil des Landes fliehen. Lilis Vater, ein Trinker, brachte kein Geld nach Hause. Barfuss, mit einem Korb auf dem Kopf, ging Lili schon als kleines Mädchen durch die Strassen und verkaufte Enchiladas, die ihre Mutter gemacht hatte. An anderen Tagen stand sie den ganzen Tag im Rauch am Feuer und legte Bananenblätter auf eine flache Pfanne. Von der Hitze werden die Blätter weich. Frauen wickelten dann eine Maispaste in die Bananenblätter. Tamales nennt sich dieser beliebte Snack. Fünf Jahre ging Lili zur Schule. Als sie einmal den Bleistift verlor, schlug die Mutter sie. Von da an hat Lili ihren Bleistift auch in der Pause immer in der Hand gehalten – aus Angst, ihn nochmals zu verlieren. Viel mehr als die Schläge schmerzte Lili, dass sie nie spielen durfte. Neben der Schule und der Arbeit blieb keine Zeit. Es gab auch kein Spielzeug. Da war immer nur Arbeit und eine Mutter, die so beschäftigt damit war, ihre sieben Kinder irgendwie durchzubringen, dass sie nie an Geburtstage dachte und auch vergass, Lili hin und wieder zu umarmen. Mit 13 Jahren schwor Lili sich, dass ihre eigenen Kinder einmal anders aufwachsen würden.
Dann traf sie Carmelo. Zusammen zogen sie zurück ins Heimatdorf. Mit 17 Jahren kam das erste Kind. Es war ein Sohn. Sie nannten ihn Milton. Lili spielte mit ihm. Stunde um Stunde, Tag um Tag. Holte nach, was sie nie durfte. Die anderen Frauen fanden das seltsam. Lili spielte unbeirrt weiter. Alle zwei Jahre kam ein weiteres Kind. Auf Milton folgten Ephrain, Reynold, Seiphal und Cecilia. Was sie bis heute nie geändert hat: Lili umarmt ihre Kinder jeden Morgen und sagt ihnen, dass sie sie liebt.

Das Feuer in der Küche raucht. Gerade legt Lili Bananenblätter auf die Pfanne. Zuvor hat sie Mais vom Kolben geklaubt, ihn gewaschen und eingeweicht und ist damit über die Strasse zur Nachbarin gegangen. Die liess den Mais wortlos durch die Mühle rasseln. Ein Huhn pickte nach den Körnern, die auf den Boden fielen. Wieder zu Hause, hat sie zur Maismasse grosszügig Palmöl und Salz gegeben und den Teig lange geknetet. Nun kommen in jedes Stück Bananenblatt Maispaste und ein Löffel mit Bohnenmus.
Cecilia schlüpft durch den Stacheldraht, der den Garten vor den gefrässigen Kühen schützt. Sie sieht ihre Mutter, rennt zu ihr, drückt sich an sie, will ihr etwas ins Ohr flüstern. Lili umarmt sie kurz, schiebt sie dann von sich weg: «Ceci, schau, wie dreckig du bist! Du machst mich auch schmutzig.» Die Neunjährige lacht, fragt, ob sie Geld bekommt, um Chips zu kaufen. Sie will die mit dem Käsegeschmack, die viereckigen. Lili gibt ihr kein Geld. Sie will nicht, dass Cecilia Chips isst. Abends gibt es Pupusas. Cecilia zieht eine Schnute. Rennt zu ihrer Freundin, die mittlerweile auch durch den Stacheldraht geschlüpft ist. Einen Moment später sind die Mädchen wieder ins Spiel vertieft, und Lili füllt weiter Maisbrei in Bananenblätter. Jeden zweiten Tag macht Lili Tamales. Mit einem Korb geht sie von Haus zu Haus, vom Dorf ins Nachbardorf, bis sie die 150 Stück verkauft hat. Sechs Stück für einen Dollar. Drei Stück machen satt. Am Abend bringt sie 25 Dollar heim.
Wer Lili fragt, was sie sich wünscht, dem sagt sie: «Dass meine Kinder einmal jemanden finden, der sie wertschätzt und bei der täglichen Arbeit unterstützt.» Und wer nochmals nachfragt, was sie selber sich denn wünsche, für sich ganz persönlich, dem sagt Lili: «Dass ich weiterarbeiten kann und nicht krank werde.»
Ihr Luxus ist es, ihren Kindern beim Spielen zuzuschauen. Und das tut sie gern für eine Weile. Sie schaut, wie Cecilia mit dem Nachbarsmädchen herumrennt, wie Ephrain Fussball spielt und Reynold an seinem Fahrrad bastelt. Sie weiss, es ist nicht selbstverständlich.
Seiphal und Milton gehen nachmittags immer mit dem Surfboard ans Meer. Lili sagt: «Ich frage sie jedes Mal, wenn sie heimkommen, wie die Wellen waren.» Wenn sie Zeit hat, geht sie auch an den Strand und schaut zu, wie ihre Buben auf den Wellen reiten. Ephrain, der studiert, fragt sie immer, was er gelernt habe in der Schule. Schwierige Sachen, sagt sie, lerne ihr Sohn. Was Lili auch wichtig ist: alle Kinder gleich zu behandeln – egal ob Mädchen oder Bub. Und sie feiert jeden Geburtstag ihrer Kinder – mit einem speziellen Essen und einem kleinen Geschenk. Lili schenkt überhaupt gern.
Auch Cecilias grosse Stoffpuppe war ein Geschenk. Lili sah die Puppe vor ein paar Jahren auf dem Markt in San Miguel. Sie fand sie wunderschön, so gross und bunt, wie sie war. Lili kaufte die Puppe. Als sie damit im Dorf auftauchte, schüttelten die Frauen den Kopf: eine Puppe, so etwas Unnützes. Lili war das egal. Die Freude, ihrer Tochter Cecilia diese Puppe schenken zu können, habe sie glücklich gemacht. Denn Cecilia werde eines Tages eine erwachsene Frau sein, sagt Lili. Dann wird sie sich daran erinnern, dass sie diese Puppe hatte, mit ihr spielen durfte, und sie werde wissen, dass sie von ihren Eltern geliebt wurde. Das ist Lili mehr wert als das, was die Nachbarn über sie denken.

Über die Autoren

Die Jungjournalistin Aline Wüst und der Fotograf Jonathan Voellmy befinden sich auf einer Reise durch mehrere Kontinente. Sie wollen so lange unterwegs bleiben, bis das Geld ausgeht. Mindestens zwei Jahre sollen es aber schon werden. In der Serie «Getroffen in…» berichten die beiden von besonderen Begegnungen rund um den Erdball.

aline.wuest@gmail.com

«Das Reisemagazin für Weltentdecker – seit 1982»

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