Nichts als Elend?

Das Leben in den Slums von Indiens Metropolen ist hart. Fotos des Elends gibt es viele, die meisten erwecken Mitleid. Doch nicht immer ist alles nur schrecklich. Die Geschichten hinter den Bildern sind bunt wie das Leben selbst. Man muss nur genau hinsehen. Der Fotograf Nils Heininger riskiert einen zweiten Blick und entdeckt die verborgene Schönheit hinter dem Elend.

Ausgabe: 138  Text & Bilder: Nils Heininger

Ich presse mein Auge an den Sucher. Das Teleobjektiv meiner Kamera bringt mich ganz nah an die gigantische Müllhalde. Irgendwo hinter dem weissen Rauch der brennenden Gase muss er sein. Da! Wie wenn er hinter einem dicken Vorhang versteckt gewesen wäre, taucht der Junge mit der leeren Zementtüte wieder in meinem Sichtfeld auf. Klick, klick, klick. Der Auslöser meiner Kamera überschlägt sich vor Freude. Der Aufstieg über den faulig stinkenden Untergrund hat sich gelohnt. Dort, wo die Schritte sanft federn. Auf Millionen, ja Milliarden von Plastiktüten und anderen Hinterlassenschaften. Zwei Berge aus Abfall, ein gigantisches Mahnmal der Zivilisation.

Brennende Berge

Verwesungsgeruch liegt in der Luft. Die Klamotten werde ich in einen Eimer Wasser schmeissen, wenn ich zu Hause bin. Mein vorübergehendes Daheim ist ein handgezimmertes Bett an der Strasse des Belgachia-Slums in der Nähe von Kolkata. Eine Millionenstadt mit Millionen Tonnen Müll. Ein Teil davon liegt hier gestapelt, Schicht um Schicht. Giftige Gase entstehen, entweichen und entzünden sich. Ein Vulkan, geschaffen von Menschenhand. Sollte sich der Wind drehen, wäre jede Wäsche vergebens. Dann hängt der Odem des Todes über dem Slum, dringt durch die Wände, die Kleidung und in jede Pore. Alte und Säuglinge husten, die Welt ist vernebelt.

Ich vergewissere mich, dass ich alles Nötige im Kasten habe. Es sollen die einzigen Fotos aus der Distanz sein. Beim Abstieg entdecke ich die Quelle des Verwesungsgestanks. Hunde und Schweine streiten sich um die Überreste eines verendeten Ebers. Fressen oder gefressen werden. Das harte Leben kommt mir hier spürbar nahe.
Jede Besucherin und jeder Besucher wird hier zunächst vom Offensichtlichen erschlagen. Die beiden dampfenden Müllberge: bedrohlich, allgegenwärtig und der Menschheit unwürdig. Der Anblick und der Geruch brennen sich ins Hirn. Alles, was ich sehe, erinnert an das Elend. Die Welt scheint aus nichts anderem mehr zu bestehen. So sah auch mein erster Besuch in Belgachia aus.

Endstation Slum

In einer Motorrikscha kam ich zum ersten Mal nach Belgachia. Der Schock war gross. Als mein Freund Vimal, ein hochmotivierter Sozialarbeiter, dem Fahrer das Ziel nannte, blickte uns dieser nur fragend an und fuhr los. Nach zehn Minuten Fahrt wurde der Geruch schlimmer, und die Silhouetten der Müllberge tauchten am Ende eines dreckigen Abwasserkanals auf.

Jeden Tag sehen wir es in den Medien: traurige Kinder mit Fliegen, die an ihren Augenrändern kleben, abgemagerte Säuglinge und verzweifelte Familien. Oft untermalt mit trauriger Musik. Damit uns das Schicksal anderer Menschen berührt, muss es dramatisch sein. Denn wir sind abgestumpft. Weitere Bilder folgen: Menschen reichen sich die Hände, Kinder tanzen und spielen. Die Spenden der einen schenken den anderen eine Perspektive. Nichts davon ist erlogen, nichts davon die volle Wahrheit.

Wie fühlen sich wohl die Fotografen, die sich auf das Elend spezialisiert haben? Menschen, die regelmässig die Slums der Welt stürmen und anderen Menschen ihre Kamera ins Gesicht halten? Die freundlich mit der Kamera winken, Kindern ein paar Süssigkeiten geben und dann verschwinden? Das Elend gesichert auf der SD-Karte, die mehr Wert hat als das monatliche Durchschnittseinkommen eines Slumbewohners.

Verspürt man dann Nervenkitzel? Schlägt das Herz höher, wenn das Bild besonders schrecklich aussieht? Hilft man zur Not noch ein wenig nach? Es ist hart, seinen Job gut zu machen, bei so viel schrecklicher Konkurrenz. Ich frage mich, wie nah ich eigentlich dran bin, an dieser Arbeit. Auch ich spüre die Doppelmoral. Heiligt der Zweck nicht auch immer die Mittel? Ich bin weder Held noch heilig, und die Fotografie steckt voller Fallen. Sie ist ein Balanceakt der Neugierde, voyeuristisch und kooperativ, erscheint objektiv und ist doch reine Interpretation. Keine Kopie der Welt dort draussen, sondern eine Kopie der Welt im Innern der Fotografierenden.

Müll und Dreck

Der Belgachia-Slum ist ein illegal besiedeltes Gebiet. Von hier gelangt man durch das verrostete Tor ins Müll-Mordor. Im Zehnminutentakt liefern die Lastwagen Nachschub. Noch während die Abfälle der Stadt von der Ladefläche kippen, durchsuchen die Müllsammlerinnen die herunterfallende Ladung. Denn Müll kann wertvoll sein. Gesammelte Metalle und Plastik landen in Säcken an einer Sammelstelle auf der Strasse. Hier werden sie verkauft und wandern weiter entlang der Recyclingkette. Das System der Wiederverwertung läuft in Indien grösstenteils über einzelne solche Orte ab und ist nicht zentral strukturiert.

Schutzmassnahmen für die Arbeiterinnen und Arbeiter auf der Müllhalde? Fehlanzeige. Als Atemschutz dient höchstens ein behelfsmässiges Stofftuch. Ob es vor den giftigen Gasen schützt, ist fraglich. Husten und Röcheln sind allgegenwärtig. Aber der Lohn kann sich durchaus sehen lassen. Mit 500 Rupien am Tag, umgerechnet knapp 6.50 Franken, ist die Ausbeute auf der Müllhalde wesentlich höher als bei anderen Tagelöhnern und Arbeitern.

Nicht alle Menschen aus dem Belgachia-Slum arbeiten auf der Müllhalde. Viele von ihnen sind arbeitslos oder fegen die Strassen der Grossstadt. Dreck, tote Tiere, Abwässer – dafür gibt es die untersten Kasten. Niemand sonst würde sich mit solch unreiner Arbeit abgeben. Zum Dank gibt es Verachtung. Hier wird nicht auf die Verursachenden des Drecks herabgesehen, sondern auf diejenigen, die es wegmachen müssen. Ein Teufelskreis für die Kanalarbeiter, Müllsammlerinnen und Strassenfeger. Die geringen Chancen in alternativen Berufen und die finanzielle Not lassen auch die junge Generation weiterhin zum Besen greifen. Wie es die Eltern und Grosseltern vor ihnen getan haben.

Doch die Moderne dringt auch in diese dunklen Ecken der Gesellschaft. Ideen wachsen, und Quoten in Bildungseinrichtungen und im öffentlichen Dienst können helfen. Es ist wichtig, auch Erfolgsgeschichten zu erzählen. Zwar können nur wenige Kinder von Eltern mit schlechten Jobs Erfolge vorweisen, doch es gibt sie. Ein gutes Elternhaus, sicheres Einkommen und gute Verbindungen zur Welt ausserhalb der Slums sind dabei die wichtigste Grundlage.

Lichtblicke im Nebel der Müllkippen zu finden, ist schwierig. Bei meinem ersten Besuch verschwand alle Hoffnung hinter dichtem Rauch. Der Wind stand ungünstig, alle husteten und meckerten: Alte, Kinder, Strassenfegerinnen, Fotografen. Zwei Tage verbrachte ich dort, um das Elend festzuhalten. Doch dann kam es zu einer entscheidenden Begegnung.

Über den Autor

Nils Heininger (31) ist in der Nähe von Essen in Deutschland aufgewachsen. Er ist reisender Autor und Fotograf. Seit seiner sechsmonatigen Forschung über die sozialen Aufstiegschancen der untersten Kaste in der indischen Gesellschaft hat ihn das Land nicht mehr losgelassen. Um die Lebenswelten und den Alltag der Betroffenen besser kennenzulernen, lebte er oft mit den Familien an verschiedenen Orten. Momentan plant Nils sein nächstes grosses Abenteuer vor Ort.

MSC für mehr Würde

Auch soziale Projekte können ohne Abhängigkeit stattfinden. Nils war in Indien häufig mit der Organisation «Movement for Scavenger Community» (MSC) unterwegs, um authentische Einblicke in das Leben der unteren Kasten zu bekommen. MSC trainiert junge Akti­vistinnen aus den Slums, damit sie selbst ­soziale Projekte für ihre eigene Community auf die Beine stellen können. Mehr Infos unter www.scavenger-movement.org

www.nilsheininger.com

Wie geht die Geschichte weiter? Nils hat eine entscheidende Begegnung, die ihn die Perspektive wechseln lässt. Daraufhin entdeckt er hinter dem oberflächlichen Elend viele schöne Seiten. Und er reist ein zweites Mal nach Indien, um selber im Slum zu leben.

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