Mørketid und Mitternachtssonne

In Andenes peitscht der Wind rau übers Land, und die Sonne geht im Sommer wochenlang nicht unter. Genau der richtige Ort für uns, finden Stefan Leimer und Nathalie Thierstein. Und machen das norwegische Fischerdorf nördlich des Polarkreises zu ihrer neuen Heimat.

Ausgabe: 157  Text und Bilder: Stefan Leimer 

Das Navigationsgerät zeigt 3465 Kilometer für unsere Route an. Würden wir diese Strecke von Basel aus Richtung Osten fahren, kämen wir erst weit hinter Moskau an. Richtung Süden würde die Reise in Mali enden. Wir aber wollen in den Norden – nach Andenes, ans nördliche Ende des norwegischen Inselarchipels Vesterålen.

Welchen Grund gibt es, auf eine Insel nördlich des Polarkreises zu ziehen? Eigentlich keinen. Aber wir wollen es trotzdem tun.

Rasenmäher.

Norwegen kennen wir bereits von mehreren Reisen mit unserem VW-Bus, und die spektakuläre Natur hat uns stets begeistert. Im vergangenen Winter arbeitete ich drei Monate in Andenes als Tourguide für Walsafaris. Dort bekam die alte Idee, eine Zeit lang im Ausland zu leben, neuen Auftrieb.

Alles scheint zu passen. Eine Arbeitsstelle für Nathalie im lokalen Gesundheitszentrum ist schnell gefunden. Personalmangel im Gesundheitsbereich kennt man auch in Nordnorwegen – die Tür für eine diplomierte Pflegefachfrau ist immer offen. Ich kann erneut als Tourguide bei einem Anbieter für Walsafaris anheuern und nebenher als freischaffender Journalist und Fotograf arbeiten.

Bei unserer Ankunft empfängt uns mildes Sommerwetter. Die ersten Tage verbringen wir mit Spaziergängen am Meer und rudimentären Arbeiten im frisch gekauften Haus. Da unsere Möbel erst in drei Tagen geliefert werden, schlafen und kochen wir vorerst im Wohnmobil in unserem Garten. Bis spät in die Nacht sitzen wir auf der Terrasse und geniessen die Mitternachtssonne – allerdings warm eingepackt in Daunenjacke und mit Mütze.

Wir werden herzlich willkommen geheis­sen. Nachbarinnen und Nachbarn schenken uns selbst gesammelte Moltebeeren, in der eigenen Garage geräucherten Lachs und einen gebrauchten Rasenmäher. Den Rasen nicht zu mähen, ist in Norwegen ein Sakrileg. Ein verwilderter Garten fällt hier schnell negativ auf. Warum wir von der schönen Schweiz ausgerechnet in die Abgeschiedenheit Nordnorwegens gezogen sind, verstehen die Ein­heimischen nicht. Für sie gibt es nur zwei Erklärungen: Wir sind Steuerflüchtige oder Kriminelle – oder beides.

Ankommen.

Unser Enthusiasmus der ersten Tage weicht bald der nüchternen Realität. Auch die fantastische Aussicht auf das Meer kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Haus einiges renoviert werden muss. Während die Menschen in Norwegen schon als Kind lernen, auch grössere Heimwerkerarbeiten in den eigenen vier Wänden selbst zu erledigen, beschränkte sich mein Können bisher auf das Wechseln von Glühbirnen. Entsprechend irritiert begegnet man uns im Baumarkt, wenn wir uns mit vielen Fragen durch die Material- und Werkzeugabteilungen schlagen.

Nach ein paar Tagen erreicht uns die Nachricht, dass sich die Lieferung unserer Möbel verzögert. Zuerst um ein bis zwei Tage. Weitere zehn Tage und unzählige Telefonanrufe später erfahren wir, dass der Lastwagen in einer Polizeikontrolle hängen geblieben ist. Der Fahrer habe die vorgeschriebenen Ruhepausen nicht eingehalten, und sein Fahrzeug sei zudem um 700 Kilo überladen gewesen. Die Weiterfahrt wurde ihm untersagt. Schliesslich übernimmt eine norwegische Spedition den Transport, und mit drei Wochen Verspätung kommen die Möbel an.

Die sprachliche Barriere ist grösser als befürchtet. Nathalie hat sich intensiv vorbereitet und bereits in der Schweiz Norwegisch gelernt. Aber der ausgeprägte regionale Dialekt erschwert die Kommunikation mit ihren Patientinnen und Patienten. Während sie diszipliniert weiterlernt, weiche ich im Tourismus ins Englische aus.

Für die offizielle Anmeldung müssen wir persönlich zur Polizei – allerdings in einem Büro auf den Lofoten, drei Autostunden von uns weg. Wir verbinden das Nötige mit dem Angenehmen und unternehmen einen Dreitagesausflug. Dabei wird uns bewusst, wie privilegiert wir hier leben. Weitgehend unberührte Natur und praktisch kein Verkehr auf den Strassen. Auf der Fahrt der Küste entlang entdecken wir Seeadler, Elche oder Rentiere unweit der Strasse.

Mørketid.

Die einzig zuverlässige Wettervorhersage auf den Vesterålen ist ein Blick aus dem Fenster. Auf dem Inselarchipel ändert sich das Wetter im Minutentakt. Wo eben noch die tief stehende Sonne schien, treibt einen kurz darauf ein Schneesturm die Tränen in die Augen. Für durchziehende Schlechtwetterfronten werden wir jedoch regelmässig mit leuchtenden Regenbogen entschädigt.

Bereits im Oktober fällt der erste Schnee und markiert den Beginn des Winters – und der Polarnacht. Am 28. November kommt die Sonne zum letzten Mal für einen kurzen Moment über den Horizont. In den darauffolgenden Wochen sorgt ein immer kleiner werdendes Zeitfenster für fahles Restlicht. Bei klarem Himmel erhellen dafür die mystisch anmutenden Nordlichter die Dunkelheit.

Direktes Sonnenlicht ist uns erst nach dem 14. Januar wieder vergönnt. Dann scheint die Sonne zum ersten Mal wieder direkt auf Andenes, wenn auch nur für einen kleinen Augenblick. Die Schulklassen organisieren dazu einen Willkommensevent am Strand. Wir nutzen unsere erste Mørketid – die dunkle Zeit – für den weiteren Innenausbau unseres Hauses. Neben Küche und Bad haben jetzt die Gästezimmer Priorität, denn im März, wenn die Tage länger werden, erwarten wir die ersten Besuche aus der Schweiz.

Wasser.

Andøya ist der perfekte Ausgangspunkt für Walsafaris. Die Insel liegt nahe der Abbruchkante des Kontinentalschelfs, wo der Meeresgrund auf 2000 Meter Tiefe abfällt. Starke Strömungen sorgen für nährstoffreiches Wasser und somit reichlich Nahrung für verschiedene Fisch- und Walarten. Die Fahrten mit dem Exkursionsboot zu den Walgründen sind entsprechend kurz, und die Chancen, Wale zu sehen, sind sehr gross.

In den Sommermonaten lassen sich neben Pottwalen auch Schweinswale und Grindwale beobachten. Im Winter sind die Aussichten gut, zudem Buckelwale, Finnwale, Orcas und verschiedene Delphinarten zu sehen.

Nie hätte ich gedacht, als Schweizer eines Tages so viele Stunden auf dem offenen Meer zu verbringen. Aber den Touristen Wissenswertes über die Meeressäuger zu vermitteln, bereitet mir Freude und sorgt für innere Befriedigung. Seekrankheit war glücklicherweise nur während der ersten Touren ein Problem. Mein Körper hat sich schnell an das Nordmeer gewöhnt. Rückblickend weiss ich allerdings nicht, ob ich mehr Wale beobachtet oder mehr sich übergebende Gäste betreut habe.

Fischerboot.

Der Fischfang spielte im Leben der Küstenbewohner Norwegens schon immer eine wichtige Rolle. Bereits im 12. Jahrhundert kamen Arbeitssuchende von weit her an die Küsten, um saisonal gutes Geld zu verdienen. Der Dorsch gehört bis heute zu den wichtigsten Speisefischen und ist von entsprechend grosser Bedeutung für die norwegische Wirtschaft.

Seit unserer Ankunft in Andenes habe ich mir vorgenommen, einen Fischer auf seinem Boot bei der Arbeit zu begleiten. Die Umsetzung erweist sich jedoch als schwierig – Seeleute lassen sich nur ungern bei der Arbeit über die Schulter schauen. Schliesslich erklärt sich die junge Fischerin Sisilie bereit, mich für einen Tag auf ihrem Fischkutter mitzunehmen.

Im Gegensatz zu den Ausflügen mit dem Exkursionsschiff zu den Walen, die nur bei schönem Wetter stattfinden, gehen die Fischer bei Wind und Wetter ihrer Arbeit nach. Sie können es sich nicht leisten, im Hafen zu bleiben, nur weil heute stürmische See herrscht. Kaum haben wir die schützenden Hafenmauern hinter uns gelassen, wühlt Sisilie in einer überladenen Schublade und reicht mir mit einem vielsagenden Blick eine dreckige Plastiktüte. Mit einem Nicken ziehe ich mich zur offenen Tür zurück. An Deck darf ich nicht, zu gross ist die Gefahr, dass ich bei der rauen See über Bord gehen könnte. Frische Luft und «die Fische füttern» bringen erste Erleichterung. Trotz Übelkeit nehme ich die Kamera und steige die engen Treppen ins Unterdeck hinab, wo die Crew die Netze einholt. Auch Sisilie verlässt ihren Posten im Steuerhaus, um mit ihrem Team anzupacken. Das Boot wird derweil vom Autopiloten an seinem Platz gehalten.

Wie geht die Geschichte weiter?

Der Autor kämpft auf dem Fischkutter gegen Übelkeit, sieht Kindern beim Ausschneiden von Dorschzungen zu und fährt anschliessend mit seiner Frau im Campingbus aufs Land – um den Frühling zu begrüssen, der in Norwegen auch Schneeketten bedeuten kann.

Über den Autor

Stefan Leimer (62) und Nathalie Thierstein (57) leben seit ihrer Rückkehr aus Norwegen wieder in ihrem Heimatkanton Basel-Stadt. Während Stefan als Fotograf im Zoo Basel tätig ist, ist Nathalie zu ihrem bisherigen Arbeitgeber zurückgekehrt und arbeitet weiter in der Pflege. Ihre Freizeit verbringen die beiden regelmässig draussen in der Natur, sei es wandernd in der Heimat oder mit dem VW-Bus in Europa.

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