Der alte Mann des Meeres
Das Boot schaukelt in alle Richtungen. Riccardo drückt den Gashebel nach unten und wir stürzen uns beinahe übermütig in die nächste Welle. Mein Blick wandert aufs offene Meer hinaus. Ein seetauglicher Bekannter hat mir einmal geraten, bei drohender Seekrankheit den Horizont zu fixieren. Also starre ich angestrengt aufs Blau. Kurz unterbreche ich das Starren, um meinen Mann Marco anzuschauen, der neben mir sitzt. «Mir geht’s gut, ich werde nicht seekrank», ruft er mir gegen den Wind zu. Ausser uns ist noch ein junges Paar aus Holland und ein englisches Paar mit an Bord. Niemandem scheint der Wellengang etwas auszumachen. Noch bevor Kapitän Riccardo im Hafen Seile losband, hat er uns gewarnt: «Die Wellen kommen heute aus östlicher Richtung, deshalb ist die See etwas rau. Wir werden nicht in jede Höhle reinfahren können. Aber spektakulär wird es trotzdem, versprochen!»
Wegen den Höhlen sind wir von unserer Mietunterkunft bei Gallipoli rund 30 Kilometer südwärts nach Santa Maria di Leuca gefahren. Hier, am Zipfel des italienischen Stiefelabsatzes, ist die poröse Kalksteinküste durchlöchert wie ein Emmentaler Käse. Die meisten Höhlen sind nur vom Meer aus zugänglich. Deshalb sind wir auf Riccardo und sein rustikales Motorboot angewiesen.
Der Mittdreissiger trägt keinen Vollbart wie Kapitän Haddock, sondern nur einen Fünftagebart. Dafür ist er umso sympathischer. Mit seinem italienisch gefärbten Englisch erzählt er viel Interessantes. Mein Blick wandert deshalb immer wieder vom Horizont zu Riccardo. «Hier trifft das Adriatische auf das Ionische Meer», erklärt er gerade. Beim Zuhören vergesse ich das Schaukeln. Auch mein Magen scheint sich langsam mit dem Wellengang abzufinden.
Das Boot nähert sich der steilen Küste. Riccardo nimmt Gas weg. Als wir um einen Felsvorsprung tuckern, sehen wir die erste Höhle. Sie ist unten etwas breiter als unser Boot und läuft oben spitz zu. Mutig steuert Ricardo das Boot hinein – nur den Bug, wo wir sitzen. Links und rechts schwappen die Wellen gegen die Felswände. Der Hohlraum verstärkt das Geräusch, bis es fast den Motor übertönt. Es klingt, als ob in einem Saal gerade ekstatisch geklatscht würde. Die Höhle heisst «Grotte di Terradico». Sie diente den Seefahrern früher als wichtiger Orientierungspunkt. Dann legt Riccardo den Rückwärtsgang ein.
«Normalerweise schneide und pflege ich Olivenbäume. Das hier ist nur ein Nebenjob in der Sommersaison», erzählt er, während er das Boot der Küste entlang steuert. Ich nutze die Gelegenheit und frage ihn, warum so viele Olivenbäume hier aussehen wie tote Gerippe. «Oh, mein Lieblingsthema! Ich könnte stundenlang darüber reden – aber ich versuche, mich kurz zu fassen». Riccardo erklärt, dass in den vergangenen Jahrzehnten vieles falsch gelaufen sei. Die Olivenbauern hätten geglaubt, den Bäumen etwas Gutes zu tun, wenn sie die Vegetation zwischen den Stämmen möglichst kurz hielten. Dafür setzten sie Glyphosat ein, ein Herbizid, das unerwünschte Pflanzen abtötet. Doch damit schädigten sie auch die Biodiversität, die für gesunde und widerstandsfähige Bäume wichtig ist.
Dann kam ein Bakterium hinzu (es wurde aus Costa Rica eingeschleppt), das von Insekten übertragen wird. Es befällt Olivenbäume und beeinträchtigt ihre Wasseraufnahme. Innerhalb weniger Monate können sie vertrocknen. Besonders betroffen ist der südliche Teil des Salento. Millionen Bäume sind abgestorben. «Eine Tragödie!», sagt Riccardo.
Tragödien könnten sich auch auf dem Meer abspielen, doch Ricardo hat alles im Griff. Er zeigt uns weitere Höhlen. Jede ist auf ihre Art spektakulär, wie er es versprochen hat. Es gibt Höhlen, in denen Überreste von Neandertalern und Homo sapiens gefunden wurden – damals war das Meer rund 50 Meter tiefer und die Höhlen lagen an einem Strand. Andere Höhlen sind mit Hunderten von Stalaktiten geschmückt. Manche haben einen versteckten zweiten Ausgang. Bei ruhiger See könnte man bequem hineinschwimmen und an einer anderen Stelle wieder auftauchen.
Dann zeigt uns Riccardo den alten Mann des Meeres. In einer grossen Höhle zeichnet sich ein Gesicht aus Stein im Halbschatten ab. «Seht ihr die krumme Nase, die Augen und den langen Bart? Er sieht ein bisschen aus wie Gandalf aus «Der Herr der Ringe». Das ist der alte Mann des Meeres. Alle Seefahrer grüssen ihn und hoffen auf seinen Schutz. Mein Vater hält immer kurz inne und winkt ihm zu». Auch wir winken und machen Fotos.
Die Olivenbaumgeschichte geht mir nicht aus dem Kopf. «Gibt es Hoffnung?», frage ich Riccardo. Er erzählt, dass er bei seinen Kunden Erfolge sieht. «Die Bäume kommen zurück! Wenn man sie richtig schneidet und pflegt, treiben sie wieder aus. Ausserdem gibt es resistente Sorten, die inzwischen vielerorts angepflanzt werden. Ich bin ein grosser Verfechter der Permakultur. Meine Kunden sehen, wie erfolgreich diese Art der Landwirtschaft sein kann. Alles hängt zusammen.» Wenn Riccardo von Olivenbäumen erzählt, ist seine Begeisterung genauso gross wie bei den Höhlen.
Zurück im Hafen verabschieden wir uns. Der Boden schwankt noch etwas unter unseren Füssen, als wir zum Auto gehen. Auf der Rückfahrt ziehen die Olivenhaine an uns vorbei. Manche Bäume sind kaum mehr als vertrocknete Skelette, andere stehen frisch gepflanzt in Reih und Glied. Ich denke an Riccardos Worte. Er weiss, was sich ändern muss. Vor allem aber glaubt er daran, dass es sich lohnt, etwas dafür zu tun. Ich bin froh, dass er nur Teilzeitkapitän ist.
| Von: | Sabine Zaugg [[email protected]] |
| Gesendet: | 10. Oktober 2026 14:24 |
| An: | Redaktion [[email protected]] |
| Betreff: | Apulien |





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