Zwischen Lava, Salz und Schwefel
Bei seiner Reise zum «Tor zur Hölle» im Tiefland Äthiopiens fühlt sich Meinrad Wagenschwanz wie auf einem fremden Planeten. Er erlebt eine der extremsten und zugleich faszinierendsten Landschaften der Erde.
Was ist der lebensfeindlichste Ort auf der Erde? Eine KI-Suche liefert schnell eine Antwort: die Danakil-Senke in Äthiopien. Ganz unumstritten ist die Antwort nicht, doch extreme Hitze, saure Pools und giftige Gase machen die Gegend zu einem der unwirtlichsten Orte unseres Planeten.
Vier abenteuerliche Wochen reisen wir durch Äthiopien. Die Danakil-Wüste und insbesondere die Danakil-Senke mit dem vulkanischen Geothermalgebiet Dallol zählen für mich zu den landschaftlich beeindruckendsten Orten des Landes. Sie suchen weltweit ihresgleichen.
Äthiopien, das mit seinen über 4000 Meter hohen Bergen auch oft als «Dach Afrikas» beschrieben wird, birgt mit der Danakil-Senke auch ein anderes Extrem: eine der am tiefsten liegenden Gegenden des afrikanischen Kontinents. Sie liegt am Nordende des durch die tektonische Auseinanderbewegung dreier Kontinentalplatten geformten, grossen afrikanischen Grabenbruchs im Grenzbereich von Äthiopien, Eritrea und Dschibuti.
Unser Weg dorthin führt zunächst über eine gut ausgebaute Strasse in Richtung Semera, dem letzten grösseren Ort und Ausgangsbasis für unsere Wüstentour. Eine erste Kostprobe der geologisch und tektonisch sehr aktiven Gegend zeigt sich uns bereits vor Semera etwas abseits der Hauptstrasse: Über einen steinigen Wüstenweg erreichen wir die Region Alolabad mit ihren heissen, dampfenden Quellen und kleinen Seen, deren Wasser wegen des Mineralgehalts in unterschiedlichsten Farben leuchtet. Wie so oft in Äthiopien kassieren ansässige Halbnomaden kräftig für die Durchfahrt und den Besuch dieser Sehenswürdigkeit ab.
Die weitere Fahrt nach Semera geht stundenlang durch eine eintönige, karge und extrem trockene Steppenlandschaft. Dann verändert sich die Gegend zunehmend. Die einzige Strasse hier im Norden der Region Afar führt uns durch Millionen Jahre alte, erstarrte Lavafelder. Eine willkommene Abwechslung und Augenweide bieten einige Grünbereiche, die am Rande der riesigen Lavafelder dank spärlichem Regen und tiefliegendem Grundwasser spriessen. Sie bilden einen extremen Farbkontrast zur schwarzen Vulkanlandschaft. Gespannt verfolgen wir auf unserer App, wann wir die Null Meter Meereshöhe auf unserem Weg hinab zum «Tor zur Hölle» durchfahren.
Fast wie eine Fata Morgana erscheint am Horizont dann plötzlich der Afrerasee mit seinem türkisfarbenen, sehr salzhaltigem Wasser, dessen Oberfläche bereits auf 120 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Solebecken zur Salzgewinnung umrahmen ihn und tragen mit ihren weiss-rötlichen Farbschattierungen zu diesem unglaublichen Bild bei. Weiter geht es hinein in die durch erstarrte Lava und erloschene Vulkankegel geprägte Landschaft, bis am Horizont die Rauchschwaden des aktiven Vulkans Erta Ale auftauchen.
Auf halber Höhe zum Krater verbringen wir auf den kantigen Lavabrocken eine unbequeme Nacht im Zelt. Rechtzeitig zum Sonnenaufgang brechen wir am frühen Morgen zum etwa 600 Meter über Meer gelegenen Kraterrand auf. Ein faszinierendes Spiel aus morgendlichen Himmelsfarben, aufsteigenden Dampfschwaden und dazu der Blick auf erstarrte Lava in der Caldera entschädigt uns für die unbequeme Nacht.
Noch bis vor einigen Jahren war der Erta Ale einer der wenigen Vulkane weltweit, in dessen Krater ein ständig aktiver, rotglühenden Lavasee brodelte. Bei unserem Besuch ist nichts mehr davon zu sehen: Zurückgeblieben ist eine schwarz schimmernde, filigrane Lavaoberfläche. Aus den beiden Kratern der riesigen Caldera steigen weiterhin Rauchschwaden auf.
Nach dem Abstieg geht es mit dem Geländefahrzeug weiter hinein in die Danakil-Senke. Nach etlichen Stunden Fahrt durch die Sandwüste erreichen wir den Karum-Salzsee. Dieser ist über viele Quadratkilometer von einer dicken Salzkruste bedeckt, die den wenigen Fahrzeugen als stabile Piste dient. In der Nacht schneiden einheimische Arbeiter Salzblöcke aus dem Boden, die später abtransportiert und weiterverarbeitet werden. Tagsüber wäre es für die Arbeit viel zu heiss, dann steigen die Bodentemperaturen auf bis zu 70 Grad Celsius.
Nach einer Nacht unter dem beeindruckenden Sternenhimmel, steht am darauffolgenden Morgen der Besuch des vulkanischen Geothermalfeldes Dallol an. Um das besondere Licht bei Sonnenaufgang einzufangen und die schnell ansteigenden Temperaturen tagsüber zu vermeiden starten wir noch vor Sonnenaufgang gegen 5 Uhr morgens.
Auf einer circa zwei mal zwei Kilometer grossen, leichten Erhebung inmitten des Salzsees zeigt sich eine ausserirdisch anmutende Landschaft. Durch die hier sehr dünne Erdkruste strömen Wasser und heisse Dämpfe aus der Tiefe auf und lösen auf ihrem Weg nach oben unterschiedliche Mineralien und Salze aus dem Boden. An der Oberfläche kühlen sie sich ab und bilden – je nach Zusammensetzung – farbige Verkrustungen, kleine Wasserterrassen oder Dampffontänen. Die Flüssigkeiten sind sehr salzig und oft säurehaltig, und teilweise liegen sie nur knapp unter den filigranen Oberflächenverkrustungen. An manchen Stellen ist es gefährlich, das vulkanische Feld zu betreten, da man sehr leicht einsinken oder einbrechen und sich dabei Schnittverletzungen, Verbrühungen beziehungsweise Verätzungen zuziehen kann.
Diese Gefahren rücken angesichts der bizarren Formationen, der leuchtenden Farben und der bunt schimmernden Flüssigkeitsbecken in den Hintergrund. Je nach Windrichtung wird das auditive und visuelle Erlebnis des Blubberns und Brodelns durch ausströmendes schwefelhaltiges Gas ergänzt. Es sorgt für einen unangenehmen Geruch, während die heissen Dämpfe die ohnehin warme Umgebung zusätzlich aufheizen. Die bereits in den Morgenstunden brennende Sonne gibt uns bald einen kleinen Vorgeschmack auf die Hitze, die sich tagsüber in der Danakil-Senke ausbreiten wird.
Die Nächte in der Danakil sind unbequem, die Anfahrt lange und oft beschwerlich. Dafür werden wir mit Naturschauspielen belohnt, deren Urgewalt und Farbenpracht mir noch lange in Erinnerung bleiben.
| Von: | Meinrad Wagenschwanz [[email protected]] |
| Gesendet: | 12. Dezember 2025 17:25 |
| An: | Redaktion [[email protected]] |
| Betreff: | Äthiopien |





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