Entwicklungshilfe mal anders: Vom alpinen Rafting zum afrikanischen Markt
Rund 100 Touren macht der Afrikaner Thabani jeden Sommer in der malerischen Rheinschlucht. Als Raftguide bietet er den Menschen Spass und Abenteuer. Zurück in seiner Heimat Simbabwe baut er mit dem verdienten Geld einen Markt und bekämpft die Arbeitslosigkeit. Thabanis Geschichte ist geprägt von Hoffnung, Hingabe und dem Willen, niemals aufzugeben.
Jubel und Gesang erklingen aus dem kleinen, von einer Mauer umrandeten Markt in Viktoria Falls in Simbabwe. Frauen tanzen und stampfen über die rötliche Erde. Auch Männer sind vereinzelt darunter.
Ausnahmsweise haben die Verkäuferinnen und Verkäufer ihre Posten verlassen und sich in der Mitte des Platzes zusammengefunden. Sie umringen eine Frau, die an diesem Ort nur unter dem Namen Mama Ji bekannt ist, wobei das angehängte «Ji» ein Ausdruck von Respekt ist. Lachend bespritzen zwei Frauen Mama Ji mit Wasser, was diese mit scherzhaftem Geschimpfe abtut.
Eine andere Frau trägt ein grün verpacktes Paket herbei. Es ist ein Geschenk, das die Verkäuferinnen und Verkäufer gemeinsam besorgt haben. Dabei wird in verschiedenen Sprachen «Happy Birthday» gesungen – zuerst auf Englisch und dann in Shona, einer der meistgesprochenen Sprachen im südlichen Afrika. Mama Ji hat den Mund zu einem riesigen Lächeln verzogen.
Das Marktgelände lässt sich grob in drei Bereiche gliedern. Gleich beim Eingang des Marktes ist eine von einem Wellblech überdeckte Zone. Darunter befinden sich die Verkaufsstände. Die Waren liegen kunstvoll angerichtet auf abgenutzten hölzernen und metallenen Tischen. Im Angebot stehen vor allem frisches Gemüse und Früchte, aber auch Gewürze, Spielwaren und sonstige Gegenstände. Gleich daneben verkaufen die Leute, die unter dem schattenspendenden Dach keinen Platz mehr gefunden haben. Sie nutzen gestapelte Paletten, um ihre Waren zu präsentieren.
Am hinteren Ende des Marktes befinden sich die Geschäfte. Es gibt einen Schreiner, einen Kiosk, zwei Essensausgaben, einen Schlachter, zwei kleine Geschäfte, eine Hand-Autowäsche und eine Sportbar. Zusätzlich bietet der Markt noch Toiletten und Frischwasser.
All das machen der 56 Jahre alte Thabani und seine Frau Sihle (Mama Ji) möglich. Sie wohnen in Viktoria Falls, einer kleinen Stadt in Simbabwe. Sihle ist Lehrerin, Thabani ist als Raftguide tätig.
Vor gut 15 Jahren arbeitet Thabani jeweils ein halbes Jahr auf dem Sambesi-Fluss, die anderen sechs Monate verbringt er als Raftguide in Amerika. Während seines Auslandaufenthaltes spart er Geld und bringt es nach Hause zu seiner Familie in Simbabwe.
Thabani entscheidet sich, seiner Gemeinde zu helfen und etwas aufzubauen, das allen zugutekommen soll. Mithilfe einer grosszügigen Spende eines befreundeten Raftguides kauft er ein Stückchen Land. Darauf baut er zunächst Toiletten, ein Geschäft und ein kleines Flohmarktgelände. All dies erzählen Thabani und Sihle während sie mit mir in ihrem alten Toyota über die holprigen mit Staub bedeckten Strassen zum Markt fahren.
Doch zuerst läuft der Markt schlecht. Die Verkäuferinnen und Verkäufer kommen nicht. Deshalb konzentriert sich das Paar zunächst auf die Verkaufsräume. Jedes Mal, wenn Thabani aus Amerika zurückkommt, wird etwas hinzugefügt. So entstehen neue Geschäfte und die Infrastruktur wird verbessert.
Jahre später wendet sich dann eine Gruppe von Frauen an das Paar. Die Gruppe besteht vor allem aus Witwen und alleinstehenden Müttern, die versuchen, an Strassenrändern Gemüse zu verkaufen. Von dort werden sie regelmässig von Stadtbeamten verscheucht. Auch die Arbeitsbedingungen sind fürchterlich, da weder Toiletten noch Schatten oder Wasser zur Verfügung stehen. Auf Thabanis Gelände finden die Verkäuferinnen einen neuen und besseren Arbeitsplatz. So wird aus dem Flohmarkt der «Walk-in Market». Nach und nach kommen mehr und mehr Leute, und der Markt wächst.
Vor drei Jahren erhält Thabanis Traum dann einen Dämpfer: Amerika ändert seine Bestimmungen zum Ausstellen von Arbeitsvisa. Viele internationale Arbeitskräfte dürfen nicht mehr eingestellt werden, darunter auch Thabani. Der Markt ist in Gefahr. Ohne den Lohn aus seiner internationalen Arbeit, kann Thabani die behördlichen Abgaben für den Markt kaum bezahlen.
Glücklicherweise bekommt er durch die Empfehlung eines früheren Arbeitskollegen einen Job in der Schweiz. Zwei Saisons hat Thabani jetzt schon in Graubünden auf dem Vorderrhein gearbeitet. Er sagt, er vermisse zwar seine Familie, würde dafür aber zu Hause fast jede freie Minute mit seiner Frau verbringen. Ausserdem liebt er den Job als Raftguide. «Ich verspüre Befriedigung in meinem Herzen, wenn ich jemanden glücklich gemacht habe und er als begeisterter Mensch geht,» sagt er.
Rund 60 Menschen bieten täglich auf dem Markt ihre Waren an. Thabani erzählt: «Die Menschen, die hier arbeiten, stehen gesellschaftlich ganz unten und kämpfen ums tägliche Auskommen. Der Markt hat Arbeitslosigkeit reduziert, damit auch Kriminalität und soziale Probleme. Insbesondere wenn junge Frauen dazu übergehen, andere Dinge zu tun, die von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Der Ort hat den Menschen eine Lebensader und eine Aufgabe gegeben.»
Aus diesen Gründen kommt sogar ein grosser Teil der Verkäuferinnen und Verkäufer aus dem Nachbarland Sambia. Auf lokalen Märkten kaufen sie Gemüse und Früchte direkt von den Bauern. Danach tun sie sich zu Gruppen zusammen, um sich ein Taxi zur Grenze zu nehmen. Wenn sie es sich nicht leisten können, müssen sie laufen.
«Der Weg ist gefährlich», erzählt die Sambierin Maggi, während sie an einem steinernen Tisch auf dem Gemüsemarkt sitzt. «Manchmal begegnen wir Elefanten, Büffeln oder anderen wilden Tieren. Es macht das ganze Unterfangen riskant.» Beim Erzählen bleibt ihre Stimme monoton und ihr Gesicht zeigt kaum Regung. Sie trägt ein blaues T-Shirt und ein buntes Tuch dient als Rock. Um ihre Beine wuselt ein etwa zwei Jahre altes Kind. Sie erzählt vom mühsamen Grenzübergang, den sie jeden Tag passieren müssen. Dabei würden sie oftmals stundenlang von Zollbeamten, Militär oder Polizei festgehalten und müssten viel Geld bezahlen. Manchmal würde sogar ihre Ware beschlagnahmt.
Der andere Teil der Verkäuferinnen und Verkäufer stammt aus Simbabwe selbst. Hier ist der Nachteil, dass die Waren teurer sind. «Die Geschäfte laufen schlecht», berichtet die Verkäuferin Mevis mit lauter Stimme. Schuld daran sei die Coronakrise. Die Leute hätten wegen des noch immer ausbleibenden Tourismus kaum Geld zum Einkaufen.
In diesen schwierigen Zeiten verstehen Thabani und Sihle es immer wieder Lichtblicke in das Leben der Menschen zu bringen. Das zeigt gerade Sihles Geburtstag besonders gut. Trotz der schwierigen finanziellen Lage haben die Frauen und Männer für ein Geschenk gespart. Als Dank teilt Sihle den Anwesenden mit, dass das Essen aller heute auf ihre Kosten gehe. Die Menge jubelt und klatscht in die Hände. In der vorderen Ecke des Marktes ist schon alles vorbereitet. In grossen Töpfen wird das Essen über dem Feuer zubereitet. Die Marktleute lassen sich mit ihren Tellern zwischen ihren kunstvoll angerichteten Waren nieder.
«Wir lieben sie über alles, aber wir müssen auch sehr streng mit ihnen sein. Diese Menschen sind unser Leben», berichtet Sihle. Denn genauso wie die Verkäuferinnen und Verkäufer auf das Paar angewiesen sind, sind sie wiederum darauf angewiesen, dass die Leute ihren Markt nutzen. Und so kämpft Sihle jeden Tag um den einen Dollar Miete, welcher für die Nutzung pro Stand bezahlt werden muss.
In der Zukunft möchte das Ehepaar den Markt weiter ausbauen. Vor allem mehr Dach muss her, damit alle Platz im Schatten finden können. Helfen würde dabei, wenn wieder mehr Menschen nach Viktoria Falls reisen würden. Dies würde die lokale Gemeinschaft wieder vermehrt fördern.
Darüber hinaus plant Thabani, auch in den kommenden Sommern als Raftguide in der Schweiz tätig zu sein. Dies freut unter anderem seinen Arbeitgeber, der ihn in höchsten Tönen lobt: «Wenn er durch die Tür kommt, fangen alle an zu lächeln, und niemand weiss warum. Er bringt einfach diese positive Energie mit sich.»
| Von: | Helena Knight [[email protected]> |
| Gesendet: | 16. Dezember 2024 14:24 |
| An: | Redaktion [[email protected]] |
| Betreff: | Simbabwe |





Erhalte E-Mails aus…
Abonniere unsere E-Mails aus aller Welt und erhalte regelmässig Lesefutter gegen akuten Reisehunger. Diesen Service kannst du jederzeit abbestellen.









