Heimat der Eisberge
Zwischen Nebel, Küstenwalen und Mitternachtssonne entfaltet sich ein Grönland voller Gegensätze – rau und still, ursprünglich und im Aufbruch zugleich.
Als wir frühmorgens in Oqaatsut, einer 42-Seelen-Siedlung in der Diskobucht, ablegen, beträgt die Sicht nur wenige Meter. Dichter Nebel versperrt den Blick auf die Bucht, das Dorf verliert sich schnell im Nichts. Nur das Jaulen der angeketteten Schlittenhunde verfolgt unsere Reisegruppe noch eine Weile. Schemenhaft tauchen graublaue Eisberge rechts und links auf, kaum zu sehen.
Der Skipper hat das Radar laufen, eine Vielzahl weisser Punkte blitzt auf, wenn der Strahl übers Sichtgerät läuft, wir fahren Schlangenlinie. Der Wind von vorn ist eisig, schnell verziehen wir uns unter die schützenden Aufbauten des kleinen Bootes. Unvermittelt lichtet sich wenig später der Nebel, vor uns ist klare Sicht auf die Holzhäuser von Ilulissat, die im hellen Sonnenlicht in bunten Farben aufleuchten.
Ilulissat ist das Drehkreuz des Tourismus in Westgrönland. Die Kleinstadt mit rund 4000 Einwohnerinnen und Einwohnern hat eine moderne Infrastruktur, die von zahlreichen Supermärkten, Restaurants, Pensionen und Hotels bis zu komfortablen Airbnbs und einem modernen Krankenhaus reicht. Es gibt sogar Linienbusse – auch wenn deren Streckennetz nur wenige Kilometer lang ist. Wichtig ist, dass es einen Flughafen gibt, dessen Landebahn gerade verlängert wird. Wenn die fertig ist, wird das nicht nur den wendigen Dash-8 Propellermaschinen von Air Greenland die Landung ermöglichen, die den grönländischen Inlandsflugverkehr aufrecht halten. Sondern auch Grossraumjets, die dann direkt von Kopenhagen oder Toronto hier einfliegen werden.
Sie bringen dann noch deutlich mehr Reisende her. Die Grönländerinnen und Grönländer freuen sich auf das zu erwartende zusätzliche Geschäft. Naturschützerinnen und Naturschützer blicken skeptisch auf den zusätzlichen Ansturm von Gästen, die natürlich alle wegen der Eisberge kommen. Die an der Gletscherkante des benachbarten und sehr aktiven Jakobshavngletscher abbrechenden Eismassen stauen sich am Fjordausgang an einer Schwelle auf dem Meeresgrund. Das führt dazu, dass die Bucht vor Ilulissat pickepackevoll ist mit haushohen und fussballfeldgrossen Eisgiganten in allen Formen und Farben. Wanderwege führen durch die Felsenlandschaft bis dicht an den Fjord heran und ermöglichen fantastische Blicke auf eine alle Dimensionen sprengende Eiswelt, die mittlerweile sogar UNESCO-Weltnaturerbe-Status hat. Ein modernes Ausstellungs- und Bildungszentrum informiert Besuchende über die Hintergründe.
Ich suche mir einen erhöhten Platz auf einem Felsen, von dem aus ich weite Teile des Fjords mit seinen dicht gedrängten Eisbergriesen überblicken kann. Die Sonne am blauen Himmel scheint, die Luft wird etwa 15 Grad haben. Es ist absolut nichts zu hören. Kein Summen von Industrieanlagen, kein Rauschen einer Autobahn, rein gar nichts. Sehr ungewohnt, fast ein wenig beängstigend. Unbewusst räuspere ich mich, wie um zu testen, ob die Ohren noch funktionieren. Unten dreht sich ein Eisberg, Teile brechen ab und platschen ins Wasser, das Knistern schreckt mich auf. Ganz banale Entdeckungen begeistern hier die Sinne. Ruhe etwa. Oder: Wasser ist zum Trinken da. Bachwasser schmeckt nicht nach Chemie, Leitungswasser ist oft nur gefiltertes Wasser aus den Bergen. Ein weiteres grönländisches Phänomen überrascht beim Wandern: Die Luft ist so klar, dass die Entfernungen zu schrumpfen scheinen. Was nach 15 Minuten Weg aussieht, entpuppt sich als Stundenmarsch.
Noch vor hundert Jahren lebten fast alle Menschen in Grönland von der Jagd und vom Fischfang, die Insel war dänische Kolonie und ein verschlossenes Land. Während des Zweiten Weltkrieges wurden dann von den Amerikanern mehrere Luftwaffenstützpunkte entlang der Küste errichtet und die Einheimischen bekamen erste Kontakte mit der modernen Welt. Das war der Auftakt einer radikalen Veränderung des Landes, die nach dem Krieg von dänischer Seite vorangetrieben wurde und nur einen Schönheitsfehler hatte: Es ging alles viel zu schnell. Im Zuge der Modernisierung setzte eine Abwanderung aus den kleinen Siedlungen in die Städte ein. Hastig errichtete Wohnblocks beherbergten nun Angehörige eines Volkes, das noch vor wenigen Generationen mit Kajak und Harpune auf Jagd ging. Heute arbeiten sie an den Fliessbändern moderner Fischfabriken.
Aus der Vermischung mongolischer Volksstämme mit europäischen Walfängern entstand ein neues Volk, die Grönländerinnen und Grönländer. Sie waren stolz darauf, europäisches Blut in den Adern zu haben und lehnten bald ihren alten Namen ab. «Eskimo» kommt aus dem Indianischen und bedeutet so viel wie «Rohfleischfresser». Heute nennen sie sich Inuit (Menschen), und ihr Land Kalaallit Nunaat, das «Land der Grönländer». Bewahrt haben sich die Inuit ihre alte Sprache, die eine schier endlose Zahl von Silben zu für unsere Ohren völlig unverständlichen Worten vereinigen kann. Zahlen beschränken sich auf 1 bis 12, danach gibt es nur «viele». Dafür aber gibt es eine unendliche Vielzahl an Begriffen für Schnee.
Zu den für Touristen recht gut erschlossenen Gebieten zählt die Fjordlandschaft in Südgrönland im Bereich Narssarssuaq und die Diskobucht im Westen. Diese Regionen erleben einen kurzen, aber farbenfrohen und warmen Sommer. Zwischen Juni und September klettern die Tagestemperaturen auf bis zu 20 Grad Celsius. Die wärmende Sonne sorgt dann dafür, dass innerhalb weniger Wochen eine grosse Vielfalt arktischer Blumen die Wiesen überziehen. 500 verschiedene Blumen sollen in Grönland blühen! So ähnlich muss es auch vor 1000 Jahren hier ausgesehen haben, als der Wikinger Erik der Rote von Island kommend die Buchten im Südwesten entdeckte und das neue Land «Grünland» taufte.
Alkohol ist teuer in Grönland, und so bringt der vorausschauende Reisende eine Flasche Whisky oder Rum aus dem Duty-free-Shop für das ultimative Zeremoniell nach der Wanderung des Tages mit: Ein wenig gestrandetes Eis wird vom Fjord hochgeholt und auf die Gläser verteilt, dann kommt der Alkohol drauf, und nun wird mit einem Ohr auf dem Glas erst einmal gelauscht. Das Prickeln und Zischen der aus dem Eis entweichenden Luftbläschen ist ein geradezu archaisches Erlebnis: 1000 Jahre alt sind die Bläschen, und berichten aus einer sehr fernen Zeit. «Kasuta» heisst es dann auf grönländisch: Prost, mit Whisky on the Rocks.
Heute wartet der absolute Höhepunkt eines Besuchs in der Diskobucht: die abendliche Fahrt mit dem Motorboot in den Eisfjord. Die Mitternachtssonne geht nördlich des Polarkreises nicht unter, sondern wird spätabends nur orangerot und färbt die Landschaft entsprechend. Der grönländische Skipper navigiert sein Boot mit uns Touristen langsam, aber kundig durch die Eisriesenwelt, dicht vorbei an haushohen, orange angestrahlten Eiswänden, schiebt sich durch knirschenden Eisgries vor dem Boot und dümpelt dann bewegungslos inmitten dieser so unwirklich anmutenden, fremden Eisriesenwelt.
Die Luft hat jetzt nur noch wenige Grad über Null, wie das Wasser unter uns. Rechts und links knistert das Eis, die Sinne laufen über, man weiss gar nicht, wohin man zuerst schauen soll. Und zu allem Überfluss tauchen auch noch zwei Küstenwale auf und blasen ihre Gischt in den Nachthimmel. Ganz grosses Kino, magisch und wunderschön!
| Von: | Wolfgang Bauer [[email protected]] |
| Gesendet: | 16. Dezember 2024 14:24 |
| An: | Redaktion [[email protected]] |
| Betreff: | Grönland |





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