Trekking zur Nordwand des K2

Die Stadt Kashgar, der Pamir-Gipfel Muztagh Ata und ein zweiwöchiges Trekking zum K2 waren die letzten Stationen einer dreimonatigen Chinareise von Martina Herzog und Patrick Schilling. Die Nordseite des K2 ist einer der entlegensten Orte der Welt. Eine Tour dorthin ist nur mit Kamelen möglich. Was schon bei normalem Wetter ein Abenteuer darstellt, verwandelte sich durch Wetterkapriolen beinahe in ein Desaster.

Ausgabe: Nr. 119     Text: Patrick Schilling     Fotos: Martina Herzog und Patrick Schilling

Nach acht Wochen in China gibt es für Martina und mich in Kashgar endlich wieder richtiges Brot zu kaufen. So aussergewöhnlich es für westliche Gaumen sein mag, das Fladenbrot der Uiguren schmeckt mir unglaublich gut: aussen knusprig und innen weich, dazu das schön eingeprägte Muster. Nicht, dass mir das chinesische Essen nicht gemundet hätte, aber Brot ist für mich ein wichtiger Starter in einen guten Reisetag. Kashgars orientalisches Flair ist zudem ein riesiger Kontrast zu Hongkong und Tibet. In den Gassen der Altstadt werden Teppiche und Seidentücher feilgeboten, Schafe auf offener Strasse geschlachtet, und überall wird mit Inbrunst gehandelt. Höhepunkt dieses Treibens ist zweifellos der allsonntägliche Viehmarkt. Dieser findet etwas ausserhalb der Stadt statt, da in Zentrumsnähe einfach nicht mehr genügend Platz vorhanden ist. Schon auf der halbstündigen Hinfahrt überholen wir zweistöckige Viehtransporter und Motorräder mit Schafen auf dem Gepäckträger. Die Leute sind mit den verschiedensten fahrbaren Untersätzen unterwegs.

Der Marktplatz ist ein staubiges Durcheinander. Aussenrum reihen sich die Garküchen, Melonenverkäufer und Seilmacher. In der Mitte sind die Tiere nach Arten getrennt an Holzgattern angebunden. Fotografieren ist nicht ganz ungefährlich: Ein schwankender Transporter nach dem anderen lädt seine Fracht ab – der freie Platz wird langsam knapp. Die uigurischen Männer mit ihren typischen Kopfbedeckungen stehen in kleinen Gruppen zusammen, begutachten das Vieh und handeln. Viele Tiere und noch mehr Yuans wechseln den Besitzer. Besonders beliebt sind Schafe mit dicken Hintern, die auf dem Viehplatz in langen Reihen zusammengebunden sind. Mir persönlich gefallen die frechen Ziegen oder die zotteligen Yaks besser. Interessant ist, wie viele Schafbesitzer ihre Tiere ins beste Licht rücken wollen: Sie greifen zu einer herkömmlichen Schere und schnipseln vorstehende Wollbüschel ab. Andere scheren ihre Tiere komplett.

Ein besonderes Spektakel ist das Ent- und Verladen der Tiere. Ich beobachte, wie ein kapitaler Stier sich mehrere Minuten erfolgreich gegen seinen Besitzer wehrt. Auch die vier herbeigeeilten Helfer können den Koloss nicht zum Herunterspringen motivieren. Erst unter Aufbietung eines fünften Mannes gelingt es, den muskelbepackten Bullen von der Ladefläche des Jeeps zu zerren. Das Prachtstier wird uns zwar nicht angeboten, aber die Uiguren sehen in mir wohl doch einen potenziellen Kunden. Ein älterer Herr mit wettergegerbtem Gesicht und grauem Spitzbart will mir für 200 Yuan (ca. 35 Franken) einen etwas anderen Trekkingproviant verkaufen. Ich verzichte auf den Erwerb des Schafes, nehme aber unzählige Eindrücke mit von diesem lebendigen Markt. Für die geplante Tour zum Muztagh Ata kaufen wir uns auf dem Basar herkömmliche Verpflegung. Martina findet zudem unzählige Souvenirs und deckt sich mit Seidenschals für die gesamte Verwandtschaft ein.

Zum «Vater der Schneeberge»

Die Teilnehmer am Trekking zum Muztagh Ata und K2 treffen ein. Lustigerweise stammen vier von fünf Teilnehmern aus der Schweiz. Hans, unser Guide aus Bayern, wird vom hiesigen Guide Abdulrachman unterstützt. Dieser hält im Sommer Yaks am Fusse des Berges. Die wichtigste Person auf jedem Trek ist aber zweifellos der Koch. Hans, der Trekkings auf der ganzen Welt leitet, kennt ihn bereits vom Vorjahr und meint: «Abdul ist der wohl beste Zeltkoch der Welt.» Ich kann dies nur bestätigen. Auch Gerlinde Kaltenbrunner, die berühmte österreichische Bergsteigerin, hat bei ihrer Besteigung des K2 nicht auf die Dienste von Abdul verzichten wollen. Abdul hatte sie und ihr Expeditionsteam ganze 75 Tage verköstigt. Unsere Tour zum Muztagh Ata dauert dagegen nur vier Tage und dient der Höhenanpassung. Der Berg ist mit einer Höhe von 7509 Metern der dritthöchste Gipfel des Pamir-Gebirges und liegt in der Volksrepublik China. Seine sanfte Westflanke lässt sogar eine Besteigung mit Tourenskiern bis zum Gipfel zu. Die Ostseite dagegen fällt in steilen Hängegletschern in ein breites Flusstal ab. Dieses Tal ist das Ziel der ersten Tagesetappe.

Wir starten den Trek am Karakul-See. Die Eisflanken des Berges spiegeln sich auf der glatten Seeoberfläche. Jetzt wissen wir, warum die uigurischen Einwohner den Berg Muztagh Ata, Vater der Schneeberge, getauft haben. So schön der erste Tag begonnen hat, so schön endet er auch. Das erste Camp ist idyllisch gelegen. Wir stellen unser Zelt auf einer Grasinsel mitten im breiten Flussbett auf. Vom Zelteingang aus können wir die Eisfelder der Ostflanke bewundern und sehen viele weitere Gletscherriesen. Später funkeln die Sterne der Milchstrasse über dem Gipfel. Ich kann den Blick kaum vom Berg und vom Himmel abwenden. Irgendwann wird es aber kalt, und Martina fragt sich schon, wo ich bleibe. Aber sie kennt ja meine Vorliebe für Nachtaufnahmen. Mit dem Plätschern des Baches im Ohr schlafe ich ein.

Die beiden anderen Camps auf diesem Trek stehen dem ersten in nichts nach. Sie befinden sich in der Nähe von steinernen Hirtenhütten. Dadurch kommen wir in den Genuss einer speziellen Abendunterhaltung: Das Einpferchen von mehreren Hundert Schafen und Ziegen ist spannender als jeder Tatort am Sonntagabend. Vor allem Martina ist fasziniert von diesem lauten Spektakel. Die Hirten verzichten auf Hirtenhunde und benützen fürs Zusammentreiben lieber japanische Motorräder.

Ich weiss nicht, ob Tom Lüthi auf Naturunterlage derartige Kunststücke vollführen könnte. Sicher aber ist, dass Motorräder nicht bellen, wenn ein Schneeleopard oder ein Wolf auftaucht.

Deshalb werden die Tiere jeden Abend eingesperrt. Das enge Beisammensein schützt sie zudem vor den ersten kalten Septembernächten. Für die Hirten sind es die letzten Tage auf der Hochalp. Bald geht es für sie zum Winterlager ins Tal – während wir weiterziehen zum K2.

Strenge Militärkontrollen

Auf dem Weg nach Rashkam, dem Startpunkt unseres Trekkings zum K2, machen wir nochmals einen Zwischenstopp in Kashgar. Ich nutze die Gelegenheit, um meine Ausrüstung zu ergänzen: mit einem Schirm und einem Zusatzschlafsack. Zwei sehr dienliche Käufe, wie sich noch herausstellen wird. Die Fahrt von Kashgar am Westende der Taklamakan-Wüste in das Karakorum-Gebirge, wo sich der K2 befindet, dauert nochmals zwei Tage. Nach einer Passüberquerung erreichen wir den Kontrollposten Kudu. Hier endete schon mancher Traum einer individuellen Tibetreise. Die Polizeistation liegt zwar noch viele Hundert Kilometer von Ali in Westtibet entfernt, dennoch findet die Kontrolle bereits hier statt. Auch Reisende in den Karakorum werden hier ein erstes Mal auf Herz und Nieren geprüft. Das ganze Prozedere dauert über eine Stunde, obwohl wir sämtliche Dokumente vorweisen können – der uigurische Polizeibeamte hat grösste Mühe mit dem lateinischen Alphabet. Weniger Verständnis habe ich für seinen Han-Kollegen, der dauernd mit seiner Schnellfeuerwaffe auf uns zeigt.

Am Ortseingang von Rashkam findet dann die zweite Kontrolle statt. Der leitende Offizier lässt uns in einer Reihe antanzen und hält uns einen Vortrag über das Verhalten von westlichen Touristen in Grenzregionen zu muslimischen Anrainerstaaten. Mit einer Spende von zehn Wassermelonen wollen wir den Zöllner dazu bewegen, seine Rede abzukürzen – vergeblich. Vom Inhalt bekomme ich ohnehin nur einen Bruchteil mit, weil ich mir das Lachen verkneifen muss. Das Fotografieren von militärischen Anlagen sei strengstens untersagt, und wir sollen gut aufpassen. Ersteres sollte dann bei unserer Rückkehr tatsächlich kontrolliert werden – allerdings nur bis zum etwa 100. Foto von unseren Begleitkamelen. Dass der zweite Ratschlag nicht aus der Luft gegriffen ist, sollte ich während des Trekkings noch mit eigenen Augen sehen.

Flussquerungen mit Kamelen

Wir verbringen die Nacht in einer Retortensiedlung, die sich in der Nähe des Kontrollpostens befindet. Martina kann fast nicht glauben, dass hier Menschen das ganze Jahr über wohnen, so abgelegen liegen die Häuser. Am nächsten Morgen stossen die zwei Kamelführer zu uns – um einiges später als vereinbart. Das ganze Dorf schaut gespannt zu, wie sich die mächtigen Tiere auf die Knie fallen lassen und geduldig warten, bis 200 Kilogramm Gepäck aufgeladen und festgezurrt sind. Wir kehren dem Spektakel bald den Rücken und laufen los, um unsere Verspätung aufzuholen. Die Kamelführer werden mit ihren Tieren ein zügiges Tempo anschlagen und uns weit vor dem ersten Camp überholt haben.

Nach drei Tagen Trekking erreichen wir das Shaksgamtal. Der K2 liegt nochmals drei Tagesetappen entfernt. Die acht Begleitkamele haben Essen für 14 Tage und unser gesamtes Gepäck bis hierher getragen. Weder der 4800 Meter hohe Aghilpass noch die rollenden Steine bereiteten ihnen Mühe. Das Shaksgamtal ist ein sehr spezieller Ort. Der mehr als einen Kilometer breite, flache Talboden ist über und über mit Geröll bedeckt. Die Steine leuchten in den verschiedensten Farben. Begrenzt wird das Tal durch senkrechte Sandsteinmauern, die nahtlos in steile Felswände übergehen, über denen wiederum die Schneefelder der vergletscherten Gipfel glänzen. Der Fluss hat Platz und breitet sich aus – er schlängelt sich in unzähligen Armen durch das Tal.

Wir folgen dem Strom und versuchen, einen Weg zwischen Wasser und Felswand zu finden. Doch schon bald geht es nicht mehr weiter. Dass uns eiskaltes Wasser erwarten würde, war klar: Immerhin stammt es von den Gletschern des Broad Peak und des Gasherbrum, beide über 8000 Meter hoch. Mit Wasserschuhen wagen wir uns vorsichtig in das milchige Nass – die Tiefe ist schwer abzuschätzen. Die ersten zwei Flussarme schaffen wir problemlos. Im Hauptstrom allerdings fliesst so viel Wasser, dass eine Schwimmeinlage unvermeidlich wäre. So warten wir auf die Kamele, die langsam aufholen. Ich bin etwas nervös vor der ersten Flussüberquerung auf dem Wüstenschiff – die Sinkiang-Kamele sind mit Gepäck sicher zwei Meter hoch. Entsprechend schwierig gestaltet sich das Aufsteigen. Die Tiere verweigern die Kooperation zwar nicht ganz, scheinen sich aber auch nicht sehr zu freuen über das Zusatzgewicht. Irgendwann sitze ich dann oben, doch die nächste Herausforderung folgt sogleich. Es gilt, das Gleichgewicht auf einer schräg befestigten Gasflasche zu finden. Kaum in Bewegung, muss ich die Position auch schon wieder anpassen. Ich kralle die Finger unter die Seile, die das Gepäck festzurren. Den Blick hätte ich besser nach vorne gerichtet, denn plötzlich geht es steil bergab. Bis ich die Balance gefunden habe, steht das Kamel schon mitten im Fluss. Als ich den Blick endlich wieder heben kann, stockt mir der Atem: Das Wasser reicht dem Tier vor mir bis weit über die Knie. Eigentlich müsste der Pegelstand im September doch niedrig sein, denke ich. Dann werde ich aus meinen Gedanken und meinem Gleichgewicht unvermittelt nach hinten gerissen – das andere Flussufer ist erreicht, und das Kamel kraxelt die Böschung hinauf. Uff, die erste Flussquerung ist geschafft!

Die Kamele werden uns bis ins chinesische Basecamp führen. Danach werden wir unser Gepäck reduzieren und auf Esel umladen, die uns jetzt schon begleiten. Unsere zwei Langohren sind liebenswürdige Tiere. Ich nenne sie Muezzin 1 und 2. Vor allem in der Nacht lieben sie es, aus erhöhter Lage nach ihrem Kumpan zu rufen. Muezzin 1 beschert mir dann eine sehr gefährliche zweite Flussquerung.

Der Fluss führt so viel Wasser, dass der Esel schwimmen muss – und von der reissenden Strömung in mein Kamel getrieben wird.

Dieses verliert ob des überraschenden Aufpralls den Halt. Ich klammere mich verzweifelt an die Seile und warne Abdulrachman, mit dem ich für diese Querung das Kamel teile. Ich will ihn schon fragen, ob er schwimmen kann, als unser Kamel, ohnehin in Schräglage, auch noch stolpert. Irgendwie fängt sich das Tier aber in letzter Sekunde wieder auf, und wir erreichen das andere Flussufer trocken.

Über den Autor

Patrick Schilling ist Oberstufenlehrer und fast jedes Wochenende zusammen mit Martina Herzog auf Tourenskiern, mit dem Rennrad oder zu Fuss in den Schweizer Bergen unterwegs. Im Sommer 2016 absolvierten sie einen Teil des GTAs (Grande Traversata delle Alpi) in den italienischen Alpen. Neben Nordeuropa sind die Hochgebirge Asiens aber weiterhin ein Sehnsuchtsziel der beiden.

patrick.schilling@edulu.ch

Wie geht die Geschichte weiter?

Wetterpech bringt das Vorhaben der Abenteurer in Gefahr und niemand rechnet mehr damit, den K2 doch noch zu Gesicht zu kriegen. Doch es kommt erstens anders und zweites als man denkt.

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