Nana Akyekese (81) ist König. Manchen Streit hat er schon geschlichtet in seinem kleinen Dorf. Er hätte gern noch mehr Frieden – und einen Gehstock.

Ausgabe: Nr. 121     Text: Aline Wüst     Foto: Jonathan Voellmy

Der Palast steht am Dorfeingang, gleich nach den Baumriesen und den zwei Brunnen. Er ist aussen rosarot, innen himmelblau, hat zwei Zimmer und eine Empfangshalle. Nana Akyekese der Fünfte wohnt hier. Doch der König schläft gerade. Niemand darf ihn stören. Er muss ruhen, er ist schon alt. Früher soll er mühelos auf die höchsten Kokospalmen geklettert sein. Nun hat er es im Rücken. Seinen Palast hat er schon lange nicht mehr verlassen.
Nana Akyekese ist der Chief von Cape Three Point. Das Dorf liegt am südlichsten Punkt von Ghana. Wer hierhin will, muss erst mal warten. Erst wenn der Minibus im nächstgelegenen Städtchen voll ist, geht die Fahrt los. Das kann dauern, manchmal Stunden. Doch fährt der Bus, geht es über eine holprige Sandpiste durch Wald und Palmölplantagen, vorbei an Männern mit Macheten in der Hand und Frauen mit grossen Feuerholzbündeln auf dem Kopf. Cape Three Points liegt dort, wo die Strasse endet – am Meer. Seine Bewohner kennen nichts anderes als die traumhaften Strände, die sich an ihr Dorf schmiegen. Und weil immer irgendwo irgendwer seinen Fang räuchert, gehören auch die fischigen Rauchschwaden zum Dorf dazu.
In Cape Three Points ist nicht viel los. Eine Beerdigung ist hier eine Abwechslung. Gestorben wird an vielem. Medikamente gibt es keine. Auch nicht gegen Malaria. Das Spital am Dorfausgang steht leer. Es gibt viel zu klagen in Cape Three Points. Nur der Chief in seinem rosaroten Palast scheint wenig Anlass dafür zu geben. Er sei ein guter Mann, heisst es überall im Dorf. Der weiseste Chief aller Chiefs in diesem Teil des Landes, sagt einer sogar. Und Akyekese der Fünfte wird das während der Audienz in seinem rosaroten Palast bestätigen. Er wird ganz unbescheiden sagen, dass es stimme, was man sich über ihn erzähle: «Ich bin tatsächlich der weiseste Chief in diesem Teil des Landes. Und es ist keine einfache Sache, ein Chief zu sein», das wird er sagen.

Begonnen hat seine königliche Herrschaft vor 53 Jahren. In Cape Three Points war damals gerade der Chief verstorben. Ein neuer Anführer musste gefunden werden. Von den sechs Clans, die es in Cape Three Points gibt, kann der Chief nur aus dem Papageien-Clan kommen. Denn nur der Papageien-Clan ist der königliche Clan. Gesucht war ein Mann mit gutem Charakter. Weise und gottesfürchtig sollte er ausserdem sein. Der Auserwählte war schnell gefunden. Bloss weilte der gerade in der fernen Hauptstadt. Also machte sich ein Bote, genannt «Old man George», aus dem Dorf auf den weiten Weg. Und als der alte George im fernen Accra ankam, sagte er dort zu einem verdutzten Stahlarbeiter: «Du wirst der neue Chief. Sie brauchen dich!» Der Stahlarbeiter war Nana Akyekese. Er liess sich nicht lange bitten und kehrte mit «Old man George» in sein Dorf zurück. Um den Bewohnern ihren neuen Chief zu zeigen, trugen ihn vier Männer auf einer Sänfte durchs Dorf. Es war der 10. Juni. Nana Akyekese der Fünfte versprach seinen Leuten: «Wann immer jemand meine Hilfe oder meinen Rat braucht, an meine Tür klopft, werde ich mir Zeit nehmen, ihn anzuhören. Egal ob ich schlafe, esse oder mich gerade wasche.» Nichtsdestotrotz: Wer zum Chief will, muss Gin und eine Flasche des lokalen Energydrinks mitbringen – der Energydrink ist eine persönliche Vorliebe des Chiefs. Der Gin ist Standard. Wenn das Geschenk stimmt, nimmt sich der Chief Zeit, gibt Rat und hilft, Konflikte zu schlichten. Gern hätte Akyekese, wenn ihm jemand einen Gehstock schenken würde. Wegen der Rückenschmerzen kann er kaum noch gehen.
Chiefs gibt es viele in Ghana. Manche sind so reich, dass sie ihre Hände kaum heben können. So viele Goldringe stecken daran. Nicht Akyekese der Fünfte. An keinem seiner Finger ist ein Ring. Stattdessen trägt er ein T-Shirt mit dem Aufdruck einer Zementfirma – ein Werbegeschenk. Der Chief ist nicht der Einzige im Dorf, der es trägt.
Cape Three Points besteht aus einfachen Häusern, vor denen Frauen in grossen Mörsern Yams stampfen, auf dem Markt gibt es Orangen und Erdnüsse zu kaufen. Wasser und Gin wechseln, in Plastiksäckchen verpackt, portionenweise den Besitzer. Es gibt verschiedene Kirchen im Dorf. Auf einem Holzschild wirbt jemand für einen Generator. Tagsüber wird die Hitze schier unerträglich. Die Kinder kommen oft klatschnass und nur in Unterhosen vom Wasserholen am Brunnen zurück. Wer kann, liegt während der heissesten Stunden im Schatten und wartet auf den Abend. In der Trinkstube kostet ein Gläschen Gin fast gar nichts. Es wird im Stehen getrunken. Vor dem ersten Schluck spritzt jeder ein bisschen auf den Boden – für die Ahnen, die mögen Gin auch. Genauso wie die Europäer, die seinerzeit den Leuchtturm gebaut haben, der vorne am Meer auf dem Felsen steht und den hin und wieder Touristen besuchen. Gegen ein kleines Entgelt selbstverständlich.
Keinen einzigen ghanaischen Cedi haben die Bewohner von Cape Three Points vom Verkauf des Öls gesehen, das im Meer vor ihrem Dorf gefunden wurde und nun seit ein paar Jahren gefördert wird. Dabei haben sie sich ihr Dorf schon als Boomtown ausgemalt, mit Einkaufszentrum, richtiger Strasse, mit Jobs samt Bezahlung in amerikanischen Dollars. Doch obwohl das ganze Projekt «Offshore Cape Three Points (OCTP) Oil and Gas Project» heisst, sehen die Dorfbewohner vom Geschäft mit dem Öl nur den Helikopter, der die ausländischen Arbeiter aus der nächstgelegenen Stadt zur Ölplattform und zurück fliegt. Ein junger Mann aus Cape Three Points hebt die Hände zum Himmel, als der Helikopter über ihn hinwegfliegt, zieht den Abzug seines imaginären Maschinengewehrs – bumm, bumm.

Zusammengesunken sitzt Nana Akyekese der Fünfte im Palast in der Audienzhalle neben seinem Radio. Der Mann wirkt winzig. Man könnte ihn übersehen. Seine Augen sind wach, doch seine Aussprache ist so undeutlich, dass neben ihm immer ein Helfer sitzt. Der Helfer heisst Mister Bernhard und ist auch aus dem Papageien-Clan. Mister Bernhard ist ein ernster Mann, stets ein bisschen angespannt. Ganz im Gegensatz zu Nana Akyekese. Der wirkt recht zufrieden, wie er da auf seinem Stuhl sitzt. Der alte Chief sagt, dass er sich Frieden wünsche für sein Dorf. Es gebe zwar schon Frieden, sagt er, und Mister Bernhard wiederholt die Worte des Chiefs klar und deutlich für den Übersetzer, der das Gesagte wiederum für die Besucher auf Englisch übersetzt. Aber der Chief wünscht sich noch mehr davon, mehr Frieden. Am Boden liegt ein einzelner Flip-Flop von einem Kind, an den Wänden hängen viele Bilder. Sie zeigen den Chief in prächtigen Kleidern.
Der Chief kümmert sich um vieles. Auch um die Ziege, die in Nachbars Plantage frisst. In einem solchen Fall lässt er das Tier in seinen Palast bringen und informiert die Dorfbewohner darüber. Kommt der reumütige Besitzer vorbei, um seine Geiss zu holen, bezahlt der eine Busse für den Schaden, den sein Tier angerichtet hat. Die Geiss aber werde nicht bestraft, schliesslich sei es nicht ihre Schuld, dass ihr Besitzer nicht auf sie aufpasse, hält der Chief fest. Aber natürlich geht es nicht nur um Ziegen. Es kam auch schon vor, dass einer im Streit einem anderen ein Ohr abgebissen hat oder dass Macheten im Spiel waren. Dem Frieden zuliebe hat der Chief immer versucht, alles ohne Polizei zu schlichten. Es sei besser, innerhalb des Dorfes eine gute Lösung zu finden, damit niemand ins Gefängnis müsse. Als weiser König habe er stets versucht, den Schuldigen gute Ratschläge zu geben, damit sie künftig ein unbescholtenes Leben führen können, erklärt Akyekese der Fünfte sein Vorgehen.
Der Chief hat zwölf Kinder. Sein ältester Sohn träumt nicht davon, in Vaters Fussstapfen zu treten. Chief zu sein, wäre ihm eine zu grosse Verantwortung, sagt er. Denn vom Chiefsein kann hier in Cape Three Points niemand leben. Und darum ist der König in erster Linie Bauer. Cassava, Kokospalmen, Bananen, Pfeffer, Okra – das war sein Leben. Morgens um sechs Uhr hat er den Palast verlassen und ist nachmittags um vier Uhr verschwitzt wieder heimgekehrt. Der Chief spricht gern über diese Zeit seines Lebens. «Das Glück liegt im Bauersein», sagt er. Denn ein Bauer könne mit dem, was er pflanzt und erntet, seine Familie ernähren und muss keine Nahrungsmittel kaufen.
Die königliche Familie sitzt hinter dem rosaroten Palast unter einem Baum auf dem Boden. Die Frau vom Chief und seine Töchter bereiten das Abendessen zu. Das heisst konkret: Sie stampfen Bananen und Yams. Das ergibt Fufu. Die Jüngste der Grossfamilie ist noch kein Jahr alt. Ruth heisst sie. Sie strampelt auf einer Decke, die am Boden ausgebreitet ist. Um sie herum Schafe, Zwergziegen, Hunde, Hühner, Abfall. Die Familie ist arm, wie alle hier. Für den König kein Grund zur Bitterkeit. Lieber freut er sich auf das Abendessen – Fufu mit Palmölsauce. Das essen hier alle. Jeden Tag. Es ist das Lieblingsgericht des Chiefs.
Im Dorf erzählt man sich, dass Nana Akyekese der Fünfte krank sei. Aber nicht in die Stadt ins Krankenhaus gebracht werden wolle. Er habe Angst, heisst es. Weil die meisten Menschen, die man ins Spital bringe, nicht lebend zurückkämen. Darum bleibt der Chief lieber hier und lehrt die jungen Menschen von Cape Three Points. Er sagt ihnen: «Überlege dir gut, wo du deinen Fuss hinstellst. Tue das Richtige, damit du keine Probleme bekommst und du eines Tages deine Kinder richtig erziehen und anweisen kannst.» Er ermahnt sie, den anderen Menschen Gutes zu tun, damit alle glücklich sind und jeder ein gutes Leben führen kann. Seine Ratschläge werden immer seltener. Denn der Chief ist jetzt öfters morgens schon müde.

Über die Autoren

Die Jungjournalistin Aline Wüst und der Fotograf Jonathan Voellmy befinden sich auf einer Reise durch mehrere Kontinente. Sie wollen so lange unterwegs bleiben, bis das Geld ausgeht. Mindestens zwei Jahre sollen es aber schon werden. In der Serie «Getroffen in…» berichten die beiden von besonderen Begegnungen rund um den Erdball.

aline.wuest@gmail.com

«Das Reisemagazin für Weltentdecker – seit 1982»

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